Professor Satoshi Tomisaka über die Beziehung zwischen Japan and China.
“Die ständige Flucht vor den Schatten der eigenen Vergangenheit bilden eine Gefahr für die Sicherheit in unserem Land dar – nicht China.” Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich Japan in treue Gefolgschaft hinter den USA gereiht – und versucht alles um die Schatten der eigenen Vergangenheit zu ignorieren. Warum sich die Japaner mit ihrer Sino-Feindlichkeit selbst das Bein stellen und wie japanische Medien als Spiegel der verzweifelten Lage im eigenen Land dienen: Unser Japan-Korrespondent und China-Experte Satoshi Tomisaka bietet Einblicke in das brisante Thema.
Dieser Sommer wird uns nicht nur wegen seiner intensiven Hitze in Erinnerung bleiben, sondern auch als diejenige Jahreszeit, in welcher sich Japans traditionelle Medien ihrer schwindenden Einflusskraft bewusst wurden. Japan befindet sich in einer ähnlichen Lage wie die USA: auf der einen Seite schürt die Konkurrenz zur wachsenden Wirtschaftsmacht China den japanischen Nationalstolz, auf der anderen Seite will man es sich nicht mit westlichen Staaten verspielen. Eines ist klar: die traditionellen Medien in Japan ist pro-amerikanisch beziehungsweise anti-chinesisch gestrickt.
Bei der Wahl im japanischen Oberhaus im Juli 2025 kam es zu einem massiven Stimmenzuwachs für konservative Parteien, welche lautstark gegen die Einwanderung stimmten. Namentlich hat die Sanseito-Partei, welche unter dem Slogan Japan First Wahlkampf betrieb, 7,42 Millionen Stimmen (12,5 % der Gesamtstimmen) erhalten, deutlich mehr als die 7,39 Millionen Stimmen (12,4 % der Gesamtstimmen) der Konstitutionell-Demokratischen Partei Japans – im Grunde die größte Oppositionspartei. Nach diesem Wahlerfolg betonte die Sanseito durch die nationalen Medien weder ausländerfeindlich noch kriegslüstern zu sein. Allerdings weichen die Parteifunktionäre in ihrer Argumentation so deutlich von Artikel 9 der Verfassung für den Frieden ab, dass ihre Glaubwürdigkeit leidet. Schliesslich fusst Japans Frieden auf genau solchen Verfassungen. Aus diesem Grund begegneten die traditionellen Medien den Sanseito bisher mit Vorsicht und zumeist kritischer Berichterstattung. Ihr Wahlsieg hat zu einer Kehrtwende beigetragen.
Anti – Eliten – Haltung als Ursache für den Zuwachs bei den Sanseito
Wenn ich von Anti-Eliten-Haltung schreibe, meine ich damit eine politische Haltung, welche sich gegen schöne Worte und moralisches Gutdünken der Politiker richtet. Meist betrifft es Themen wie Einwandererrechte, Umweltprobleme oder die Beziehung zwischen Japan und China. Von vielen Wählern wird auch die Verfassung für den Frieden, welche den Kriegsverzicht untermalt, zunehmend kritisch hinterfragt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Spaltung in der japanischen Politik: Linke Parteien verteidigten die Friedensverfassung, während konservative Parteien ihren Spott darüber ausliessen, ob eine solche Verfassung ihr Land tatsächlich schützen könne. Die Mehrheit stand irgendwo dazwischen und akzeptierte den Status quo im Namen des Vergessens und des eigenen Fortschritts.
Dann kam die Invasion Russlands Invasion in der Ukraine 2022. Obwohl die meisten Japaner keine Ahnung hatten, wo die Ukraine liegt, erhoben sie ebendiesen Konflikt zum eigenen Problem. Dabei spielten auch die Medien eine Rolle. Insbesondere die durch die in sozialen Medien weit verbreitete Aussage – Die Ukraine von heute ist das Taiwan von morgen – sorgte für rote Köpfe und erhitzte Gemüter. Dem japanischen Volk wurde seine eigene Verwundbarkeit. Stimmen für wachsende Investitionen in eine nationale Verteidigungsarmee wurden laut.
Allerdings basiert die Logik, welche die Ukraine mit Taiwan verknüpft, ausschließlich auf folgendem – hier weit verbreiteten – Narrativ: Sowohl Putin als auch Xi Jinping sind Diktatoren, und Diktatoren neigen zu Krieg. Traditionelle Medien haben das Ihrige beigetragen um solche Denkmuster zu rechtfertigen. Obwohl jeder China-Experte weiß, dass Taiwan und die Ukraine in vielerlei Hinsicht nicht vergleichbar sind, wagen es nur wenige sich dieser vereinfachten Logik zu widersetzen.
“Obwohl jeder China-Experte weiß, dass Taiwan und die Ukraine in vielerlei Hinsicht nicht vergleichbar sind, wagen es nur wenige sich dieser vereinfachten Logik zu widersetzen.”
Satoshi tomisaka
Mit ihrer Sinofeindlichkeit schaden sich die Japaner nur selber
Eine Umfrage von 2023 durch Organisationen wie Genron NPO ergab, dass 92,2 % der japanischen Bevölkerung China als negativ oder eher negativ wahrnahmen. Man kann sagen: In Japan herrscht bis heute eine China-Phobie.
In den 1980er Jahren erlebten Japan und China eine Art Honeymoon-Phase. Das damalige Schlagwort unter den Japanern lautete: Sühne. Der Wiedergutmachungs-Wille begann jedoch zu bröckeln, als China wirtschaftlich zum Rivalen Japans aufstieg. Dadurch wuchs auch das Selbstbewusstsein der chinesischen Bevölkerung. Als Premierminister Junichiro Koizumi öffentlich ankündigte, zum Jahrestag des Kriegsendes den Yasukuni-Schrein zu besuchen, kam es in China zunehmend zu anti-japanischen Demonstrationen.
Die Situation spitzte sich zu, als 2010 das BIP Chinas deutlich höher ausfiel als dasjenige Japans. Japans Entscheidung, die Senkaku-Inseln zu verstaatlichen kann als Höhepunkt der neuerlichen Verwerfungen zwischen den beiden Nationen angesehen werden.

FOKUS CHINA- Japan-Korrespondent Satoshi Tomisaka (geb. 1964) ist Professor an der Takushoku University in Tokio. Er hat an der Peking University studiert (Modernes China und Japan-China-Beziehungen) und war als Journalist für die Weekly Post und Weekly Bunshin tätig. Seine Einschätzungen über die chinesisch-japanischen Beziehungen gelten als differenziert und wissenschaftlich nachvollziehbar.
Ich habe sowohl Japan als auch China über viele Jahre studiert. Aus meiner Sicht gibt es keine objektiven Probleme zwischen den beiden Ländern – im Gegenteil. Vielmehr grassiert die Missstimmung auf beiden Seiten aus Unverständnis. Für Japan ist China ein Thema von vitaler Bedeutung, doch das Land hat sich nie ernsthaft mit seinem nördlichen Nachbarn auseinandergesetzt. Man kann sagen: den Japanern fehlt bis heute eine Art „Bedienungsanleitung“ für den Umgang mit China.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Japan einer ernsthaften Auseinandersetzung mit seinen Fehlern stets ausgewichen. Durch vielfältige Formen der Verdrängung versuchte es die alten Wunden zu ignorieren. So spricht man in Japan häufig vom Ende des Krieges. Begriffe wie Niederlage oder Kapitulation werden vermieden. Zwar erkennt Japan an, den Krieg gegen die USA verloren zu haben, doch dass es auch gegenüber den Alliierten – inklusive China – unterlag, kommt nirgends zur Sprache.
Hinzu kommen Aspekte der internationalen Politik: Japan wurde Teil des Ost-West-Konflikts. Zwar wurde Japan als Teil der westlichen Welt akzeptiert, doch das hiess auch, dass das japanische Archipel fortan zur antikommunistischen Frontlinie gehörte. Die Nachkriegsjahre waren davon geprägt, dass Japan China durch amerikanische Augen zu sehen begann. Japanische Aussenpolitik bestand darin den USA Gefolgschaft zu leisten. Rasch wurde der Wille zur Sühne gegenüber China wurde von einer Ideologie überdeckt, welche China zum potentiellen Feind machte. Eigenständiges Denken war unerwünscht.
“Solange Japan wirtschaftlich stark war, stellte dieses fragile Denken kein Problem dar.”
satoshi tomisaka
Zwar hat der Nixon-Schock von 1971 – der plötzliche Peking-Besuch des Sicherheitsberaters Henry Kissinger – für einen Schockmoment in der japanischen Politik gesorgt, doch den Japanern ist es trotz allem nie gelungen sich von Amerika zu emanzipieren. Wenn es um China geht, lautet der Kernpunkt japanischer Sicherheitspolitik bis heute: Wird uns Amerika beistehen?
Aus diesem Grund ist es Japan nie gelungen eine eigene – stabile und vertrauensvolle – Beziehung zu China aufzubauen. Solange Japan wirtschaftlich stark war, stellte eine solche Haltung kein großes dar. Schwierig wurde es, als China zur Wirtschaftsmacht wurde. Anstatt in den Chinesen einen neuen Verbündeten zu sehen, kontert Japan mit einer wachsenden China-Phobie. Provokative Aussagen wie: „Ein Notfall in Taiwan ist ein Notfall für Japan“ sind Öl ins Feuer.
Aus chinesischer Sicht ist dieses Verhalten nicht nachvollziehbar. China hat Japan nie überfallen, und die Nachkriegszeit verlief im Grossen und Ganzen friedlich. Es gibt keine Berichte darüber, dass Chinesen japanische Kriegsgefangene misshandelt haben sollen. Auch von Zwangsarbeit war niemals die Rede, im Gegenteil: als sich die japanischen Invasoren zurückgezogen haben, nahmen viele chinesische Zivilisten tausende von zurückgelassenen Kindern auf, die sogenannten japanischen Kriegswaisen aus China. Ausserdem wurde in den Kriegsverbrecherprozessen der Klassen B und C in China kein einziger japanischer Soldat hingerichtet – alle wurden nach Japan zurückgeführt. Bei der Normalisierung der diplomatischen Beziehungen verzichtete China sogar auf Reparationen.
“Die ständige Flucht vor den Schatten der eigenen Vergangenheit bilden eine Gefahr für die Sicherheit in unserem Land dar – nicht China.”
Satoshi tomisaka
Aus objektiver Sicht besteht demnach keinen Grund, China in dieselbe Kategorie wie Putin einzuordnen. China als potentiellen Aggressor zu bezeichnen grenzt an Weltfremdheit. Der Blick auf den Krieg durch die Linse der Chinaphobie ist weder gerechtfertigt noch hilfreich. Eine solche Herangehensweise verhindert im Grunde, dass sich Japan ernsthaft mit seinen eigenen Gräueltaten auseinandersetzt. Oberflächliche Debatten darüber, ob sich das Land lieber bei China oder Südkorea entschuldigen sollte, dienen als Zeichen der eigenen Verlorenheit. Vielmehr sollten wir uns fragen, weshalb wir einen Krieg begonnen haben, der 3,2 Millionen japanische Bürger das Leben gekostet hat. Denn – dieser Sommer war nicht nur geprägt von anti-immigrantischer Stimmung und Aufrufen zu Nationalstolz, die Atmosphäre gleicht derjenigen, die geherrscht hat, bevor Japan einst in den Krieg zog. Die ständige Flucht vor den Schatten der eigenen Vergangenheit bilden eine Gefahr für die Sicherheit in unserem Land dar – nicht China.
