Brückenbau durch die Musik: der schweizerisch-chinesische Mischa Cheung (Photo Credit: Nadja Sjöström)
London Symphony Orchestra, Hong Kong Philharmonic und Vancouver Symphony Orchestra: die Liste der Musiker, mit welcher der schweizerisch-chinesische Pianist Mischa Cheung aufgetreten ist, ist lang. Wie lebt es sich als Brückenbauer zwischen den Kulturen? FOKUS CHINA hat den ZHdK-Dozenten zum Interview getroffen.
FOKUS CHINA: Ihr Vater ist Chinese, Ihre Mutter Schweizerin. Sie sind in der Schweiz aufgewachsen. Welche Beziehung pflegen Sie zu China?
MISCHA CHEUNG: Mein Vater wuchs in Hong Kong auf und verliess seine Heimat 1961 – im Alter von 22 Jahren – um in Deutschland Klavier zu studieren. Eine solche Ausbildung war dazumal in China nicht möglich. Man kann sagen: die Leidenschaft für die Musik hat sein Schicksal bestimmt. Seine Reise war umständlich: zuerst brachte ihn ein Frachtschiff nach Genua. Von dort ging es auf dem Landweg weiter bis nach Stuttgart. Meine Eltern haben sich auf seiner Reise kennengelernt und sind dann im Kanton Basel-Land sesshaft geworden. Mein Vater hat bis zur Pension als Klavierlehrer gearbeitet. Meine beiden Geschwister (ebenfalls Berufspianisten) und ich sind von ihm ins Klavierspiel eingeführt worden. Wir sind in einem äusserst schweizerischen Umfeld aufgewachsen und haben leider nie Mandarin gelernt. Auch die Beziehung zur alten Heimat unseres Vater blieb lange Zeit auf der Strecke. Mein Grossvater besass eine Konditorei in Hong Kong, welche einer anderen Familie während des Zweiten Weltkrieges als Unterschlupf gedient hatte. Mit dieser sind wir nach wie vor befreundet. Ein Grossteil unserer chinesischen Familie ist schon seit langem nach Kanada, Amerika oder nach Australien ausgewandert. Schliesslich war es der Beruf, der mich nach China führte: 2009 reisten wir für eine Konzerttournee mit dem Gershwin Piano Quartet nach Shanghai, Hongkong und Shenzen. Obwohl ich die Heimat meines Vaters ansonsten nur aus der Sicht eines Touristen und aus seinen Erzählungen kenne, fühle ich die Verbindung zur chinesischen Rasse. Dieses Gefühl ist in einem drin und wird von einer Generation auf die nächste übertragen.
FOKUS CHINA: Welche Charaktereigenschaften an Ihnen würden Sie als schweizerisch, welche als typisch chinesisch beschreiben?
MISCHA CHEUNG: Ich würde mich als emphatischen, höflichen, respektvollen und disziplinierten Menschen bezeichnen, der auch von Bescheidenheit und Ehrgeiz geprägt ist. Vielleicht gehört auch Zurückhaltung und eine gewisse Introvertiertheit zu meiner Persönlichkeit – obwohl ich es mir angewöhnt habe in jeder Situation klar und deutlich meine Meinung auszusprechen. In Konfliktsituationen bemühe ich mich um diplomatische Lösungen, denn ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch. Eigentlich habe ich noch nie darüber gedacht, welche Eigenschaften aus welcher Kultur stammen, aber die Mischung hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich mich als Kind immer anders gefühlt habe. Dennoch würde ich behaupten, dass der musikalische Hintergrund prägender war für meine Identität als die Herkunft aus zweierlei Kulturen.
FOKUS CHINA: Was ist das grösste Missverständnis von Schweizern gegenüber Chinesen? Und umgekehrt?
MISCHA CHEUNG: Mir fällt kein allgemein gültiges Beispiel ein. Vielleicht könnten die für ihre Zurückhaltung bekannten Chinesen die Direktheit der Schweizer Dinge anzusprechen als anmassend empfinden. Andererseits können Schweizer die Zurückhaltung der Chinesen nicht deuten. In einer idealen Welt, welche von Respekt, Toleranz und emphatischem Austausch geprägt ist, gäbe es keine Missverständnisse zwischen den Kulturen. Man würde sich gegenseitig akzeptieren und respektieren. Leider ist dieser Gedanke naiv in Anbetracht der gegenwärtigen geopolitischen Lage. Die Menschheit hat dieses Ziel (noch) nicht ins Auge gefasst.
FOKUS CHINA: Nebst Ihrer Tätigkeit als Dozent an der ZHdK treten Sie international mit renommierten Orchestern auf. In welcher Beziehung stehen Sie zum chinesischen Konzertpublikum?
MISCHA CHEUNG: Bis heute war ich sechs Mal auf Konzertreise in China, wobei wir mit dem Gershwin Piano Quartet im National Center of the Performing Arts Beijing und im Shanghai Oriental Center aufgetreten sind. Die Konzerte mit dem Hong Kong Philharmonic Orchestra in der Concert Hall Hong Kong, welche ich als Solist und mit japanischer Musik (!) bestritt, gehören sicherlich zu den schönsten und für mich bedeutendsten Erinnerungen. Es waren bewegende Momente, zumal ich dem chinesischen Publikum durch die Musik und meine persönliche Art zu musizieren das zurückgeben konnte, was ich von meinem – chinesischen – Vater gelernt habe. Man kann sagen: es hat sich für mich wie eine Art Rückkehr zur Familie angefühlt. Ich schätze die Höflichkeit, Gastfreundschaft und Grosszügigkeit der Chinesen sehr. Es ist ein grosses Erlebnis den technologischen Fortschritt in den Megastädten Hong Kong und Shanghai als solchen wahrzunehmen und gleichzeitig im Austausch mit den chinesisch-stämmigen Menschen zu sein. Diesen erlebe ich auch mit meinen internationalen Studenten an der Zürcher Hochschule der Künste. Als Musiker bemühe ich mich darum Brücken zwischen den verschiedenen musikalischen Genres zu schlagen. Wenn mir dies – dank meiner binationalen Herkunft – auch zwischen den Kulturen gelingen sollte, sehe ich das als einen behaglichen Gedanken.
FOKUS CHINA: Sie sind im Norden der Schweiz aufgewachsen. Wie hat sich das Bild von China in den vergangenen 40 Jahren Ihrer Meinung nach geändert?
MISCHA CHEUNG: Wenn ich an meine Kindheit in Basel-Land zurückdenke, dann fühle ich den hohen Respekt, den das Umfeld meiner Familie entgegengebracht hat, denn mein Vater war ein äusserst beliebter Klavierlehrer. Allerdings hat seine chinesische Herkunft immer wieder für Aufsehen gesorgt. Damals gab es kaum Chinesen hier. Allein mein Nachname hat den Mitschülern als Anlass zu Hänseleien gedient. Damals habe ich diese als unangenehm empfunden, sie sind aber längst in Vergessenheit geraten. Es hat sich viel getan in der Zwischenzeit, die Globalisierung hat zu einer gewissen Öffnung des Denkhorizonts – auch in der Schweiz – beigetragen. Als Eurasier bin ich überzeugt, dass beide Länder noch viel voneinander lernen könnten und sollten.
FOKUS CHINA: Sie haben bei Konstantin Scherbakov, einem Russen, studiert. Inwiefern spielt nationale Identität in der Musik eine Rolle? Gibt es Parallelen zwischen dem russischen und chinesischen Zugang zur Musik?
MISCHA CHEUNG: Beide Länder legen in der Ausbildung traditionsgemäss grössten Wert auf Disziplin, Ehrgeiz und das pure Handwerk. Das sind Faktoren, die gerade aus pädagogischer Sicht essentiell und wichtig sind. Ich habe die Bedeutung dieser Werte sowohl von meinem Vater als auch von Professor Scherbakov vermittelt bekommen. Über die Jahre haben sie sich so sehr in meiner Persönlichkeit verankert, dass mein Alltag geprägt ist von einem hohen Anspruch gegenüber mir selbst. Als Dozent versuche ich ebenfalls diese Werte weiterzugeben – nicht aus einem Pflichtgefühl gegenüber irgendwelchen nationalen Identitäten, sondern gegenüber mir als Person.
FOKUS CHINA: Klassische Musik ist ein abendländisches Produkt. Was sagen Sie dazu? Hat China einen Bezug dazu?
MISCHA CHEUNG: Musik ist eine universelle Sprache, die überall auf der Welt gespielt und gehört werden kann. Die Beziehung zwischen Musik und Menschen entsteht aus der Spontaneität: man hört etwas zum ersten Mal und ist berührt oder nicht. In Erinnerung bleibt mir, dass das chinesische Publikum damals dazu gemahnt wurde, während des Konzertes ruhig zu sitzen und auf den Konsum von Esswaren zu verzichten. Auch das Fotografier-Verbot ist den chinesischen Konzertorganisatoren stets eine Annonce wert. Die Leute halten sich nicht an stiere Dresscodes wie bei uns üblich. Dafür wurden wir mit frenetischem Applaus und Jubel belohnt. Im Westen verhalten wir uns eher zurückhaltend in diesem Punkt. Grundsätzlich würde ich das chinesische Publikum an klassischen Konzerten als jünger einstufen als bei uns. Das ist auf jeden Fall ein Plus für die klassische Musikszene, welche bekanntlich vielerorts an Überalterung leidet. Mir persönlich hat die lockere Art des chinesischen Publikums zugesprochen. Ich finde es toll, dass Konventionen – durch die Chinesen – auf natürliche Weise gebrochen werden.
FOKUS CHINA: Am 14. September 2025 feiern wir das 75-Jahr-Jubiläum der schweizerisch-chinesischen Beziehungen. Die Schweiz hat 1950 als eines der ersten westlichen Länder die Volksrepublik China anerkannt. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der schweizerisch-chinesischen Beziehungen?
MISCHA CHEUNG: Dass sich die Menschen aus beiden Kulturen weiterhin mit Respekt und Offenheit begegnen und wir auch in Zukunft bereit sind voneinander zu lernen.








