Ich bin wer ich meine zu sein.
Die Frage, ob zuerst das Ei oder das Huhn war, beschäftigt die Menschheit seit eh und je. Ist ja im Grunde egal – solange man beides hat. Die Frage, ob der Mensch zuerst die Zivilisierung oder die Bildung erfahren hat, ist eigentlich schnurz. Man hat ja – beides.
Wenn man der im vergangenen Monat veröffentlichten Studie der kantonalen Erziehungsdirektoren glaubt, haben zwanzig Prozent aller westschweizer Schulabgänger Mühe mit ihrer Muttersprache. Pisa-Studien zufolge sollen Deutsche sogar noch dümmer sein. Wenn es so weitergeht, heisst es bald: Deutsche Sprache = tote Sprache. Wie kann das sein? Warum poltert und kracht es nicht bei unseren vorstossfreudigen Politikern in Bern? Die vierte Staatsgewalt – unsere Massenmedien – verlieren auch nur knappe Worte zu diesem Thema. Könnte es sein, dass der Ursprung des Problems in der unkontrollierten Zuwanderung von Menschen aus bildungsfernen Kulturen liegt? Die Integration fremdsprachiger Kinder in unsere Regelschulklassen lässt nicht nur das allgemeine Bildungsniveau sinken, respektloses Verhalten gegenüber dem Lehrpersonal führt zu einem regelrechtem Verschleiss von personellen Ressourcen. Als Notmassnahme gegen den Lehrermangel dürfen seit 2022 Diplomlose ihr Taschengeld aufbessern, indem sie sich auf ein berufliches Intermezzo als Pädagogen stützen. Häufige Lehrerwechsel sind die Folge. Unverbindliche Lehrer-Schüler-Beziehungen gehören zum Standard. Regeln, die heute gelten, haben morgen keine Gültigkeit. Wiederholungen von Lektionen gehören zur Tagesordnung. Lücken bleiben Lücken. Das Vorbild der heutigen Jugendlichen ist eine ständig rotierende persona. Die Rolle einer Lehrerin oder eines Lehrers erscheint einem am Schluss unglaubwürdig. Hat irgendeiner unter solchen Umständen noch Zeit und Nerven um Lesen und Schreiben zu lernen?
Als Mittelschullehrkraft kann ich die Tendenz aus einem differenzierten Blickwinkel beleuchten. An den meisten Kantonsschulen werden einem nebst Sprachen, Kultur und Geschichte Weltoffenheit, Toleranz und Umweltbewusstsein beigebracht. Natürlich wäre es selbstverständlich, dass Menschen aus anderen Kulturen respektiert werden sollen. Es müsste zur Gewohnheit werden, dass wir uns um die Natur sorgen. An den Deutschkenntnissen von Gymnasiasten würde niemand zweifeln. Immerhin gelten 22.9% aller Schweizer Kinder als intelligent (das ist die durchschnittliche Zahl der Gymnasiasten). Ein weiterer Hoffnungsschimmer: um die ordentliche Befugnis für eine Primarschullehrertätigkeit zu erlangen, ist ein Mittelschul-Abschluss erforderlich. Das heisst: ein Fünftel unserer Nachkommen hat das Potential das Schweizer Bildungssystem zu stabilisieren. Wie viele davon sich tatsächlich für den pädagogischen Weg entscheiden, steht offen. Zu erwarten ist, dass sich eine grosse Anzahl derer aufgrund ihres schulischen Umfelds politisch links positionieren wird. An den Universitäten ist die Mehrheit der links-grünen Ideologen offensichtlich. Der Unterschied zwischen Ideologien und Fakten ist, dass die Rechnung irgendwann nicht mehr aufgeht. Natürlich tönt es nett, wenn wir sagen: willkommen in der bunten Schweiz. Fremde Kulturen muss man integrieren, koste es, was es wolle. In der Politik ist es wie beim Gelage: man trinkt und hat Spass. Am Schluss bleibt die Frage: wer bezahlt?
Sprache vermittelt Kultur. Kultur lehrt Geschichte. So einfach geht das. Ist es uns bewusst, dass zwanzig Prozent Verlust der Muttersprache gleichzusetzen ist mit zwanzig Prozent Verlust unserer Kultur? Mit einem Fünftel unserer Geschichte und ebenso viel von unserer Identität? Wir Schweizer sind – zu Recht – stolz auf unsere direkte Demokratie. Im Namen der Identitätspolitik wollen wir uns auf Volksvertreter verlassen, welche für unsere Werte einstehen. Wir wollen Politiker, die für uns sagen, was wir denken. Aber: denken wir denn noch, wenn uns die Sprache fehlt? Oder wird es bald zur Aufgabe unserer Medien Identitätspolitiker ohne Identität zu bejubeln?
