Ein-China: Taiwan gehört dazu.
Stabilität in der Taiwan-Frage bleibt entscheidend für globale Lieferketten
Peking hält an seiner bekannten Linie gegenüber Taiwan fest – doch die jüngsten Äußerungen des Spitzenpolitikers Wang Huning, Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) und einer der einflussreichsten politischen Strategen des Landes, sorgen international erneut für Aufmerksamkeit.
Wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, erklärte Wang am Dienstag, die „friedliche Wiedervereinigung“ mit Taiwan sei nach wie vor der „beste und vernünftigste Weg“, um die Zukunft des Landes zu gestalten. Gleichzeitig betonte er, dass China keinerlei Aktivitäten dulden werde, die auf eine formelle Unabhängigkeit Taiwans abzielen.
Diese Wortwahl ist typisch für die chinesische Führung: einerseits das Bekenntnis zum Frieden, andererseits die unmissverständliche Festlegung auf das Ziel der nationalen Einheit. Für Peking ist Taiwan kein unabhängiger Staat, sondern eine abtrünnige Provinz, die früher oder später wieder mit dem Festland vereinigt werden soll – notfalls auch mit Druck.
Die Spannungen rund um Taiwan gehen auf das Jahr 1949 zurück, als sich nach dem chinesischen Bürgerkrieg die unterlegene nationalchinesische Regierung auf die Insel Taiwan zurückzog, während die Kommunistische Partei in Peking die Volksrepublik China gründete. Seitdem sieht sich die Volksrepublik als alleinige rechtmäßige Regierung Chinas und betrachtet Taiwan als Teil ihres Territoriums.
Internationale Abkommen erkennen diese Sichtweise teilweise an: Die sogenannte Ein-China-Doktrin ist Grundlage für diplomatische Beziehungen mit Peking. Auch Deutschland und die EU halten sich offiziell an diese Linie – sie erkennen Taiwan nicht als souveränen Staat an, unterhalten aber wirtschaftliche und kulturelle Kontakte.
Die jüngsten Aussagen Wangs sind nicht neu, aber sie fallen in eine Phase wachsender Unsicherheit. Die USA haben ihre militärische und wirtschaftliche Unterstützung für Taiwan in den vergangenen Jahren ausgeweitet, während China seine Präsenz im Umfeld der Insel verstärkt hat – etwa durch regelmäßige Militärübungen in der Taiwanstraße.
Wangs Rede signalisiert, dass Peking zwar derzeit keine Eskalation anstrebt, aber seine roten Linien bekräftigt. Für Beobachter gilt er als ideologischer Architekt der modernen chinesischen Strategie: Er steht für Stabilität, langfristige Planung und die Betonung nationaler Souveränität – Grundpfeiler der Politik unter Staatschef Xi Jinping.
Für Europa und insbesondere Deutschland ist die Taiwan-Frage weit mehr als ein fernöstliches Polit-Thema. Taiwan ist einer der wichtigsten Hersteller von Halbleitern – zentrale Bausteine für Autos, Maschinen und Elektronik. Eine militärische oder wirtschaftliche Krise in der Region würde globale Lieferketten empfindlich treffen.
Deutschland importiert große Mengen an Hightech-Komponenten aus Ostasien, und Unternehmen wie Bosch, Infineon oder Volkswagen sind indirekt von taiwanischen Chips abhängig. Stabilität in der Taiwanstraße ist daher auch ein ökonomisches Sicherheitsinteresse Europas.
Ein offener Konflikt – etwa eine Seeblockade, Sanktionen oder militärische Spannungen – könnte Produktion und Handel weltweit stören. Schon kleine Unterbrechungen im Halbleiterfluss führten während der Corona-Pandemie zu Milliardenverlusten in der europäischen Industrie.
Die EU steht damit vor einem Dilemma: Einerseits ist China ein zentraler Handelspartner und Markt, andererseits wächst der Druck aus Washington, sich im geopolitischen Wettbewerb klarer zu positionieren. Brüssel und Berlin versuchen derzeit, eine Balance zwischen wirtschaftlicher Kooperation und politischer Vorsicht zu finden.
Im Rahmen der EU-China-Strategie wird von „De-Risking“ gesprochen – also einer Verringerung strategischer Abhängigkeiten, ohne die Beziehungen vollständig zu kappen. In diesem Kontext sind Aussagen wie die von Wang Huning ein Signal an Europa: Peking will Stabilität und Dialog, erwartet aber zugleich, dass seine territorialen Ansprüche respektiert werden.
Wang Hunings Worte verdeutlichen Chinas Doppelstrategie: friedliche Rhetorik nach außen, klare Grenzen nach innen.
Die Regierung in Peking möchte ein kontrolliertes, planbares Verhältnis zu Taiwan – kein offenes Risiko für den Handel, aber auch keinen Schritt Richtung Unabhängigkeit.
Für Europa heißt das: wirtschaftliche Chancen bleiben, politische Risiken ebenfalls. Chinas Kurs bleibt berechenbar – solange andere Akteure ihn nicht in Frage stellen.
Quellen: Xinhua | Reuters
