Chinesisches Topmodel Liu Wen hat die internationale Modewelt geprägt wie kaum ein anderes Model aus China. Ihr Weg führte sie von Hunan über die Laufstege von Paris, Mailand und New York bis zu Victoria’s Secret und den großen internationalen Vogue-Ausgaben. Heute steht die 38-Jährige für eine Generation chinesischer Frauen, die sich selbstverständlich zwischen chinesischer und westlicher Kultur bewegt.
Als Liu Wen 2009 erstmals über den Laufsteg der Victoria’s Secret Fashion Show schritt, war das mehr als nur ein weiterer Termin in einem ohnehin dicht gefüllten Modelkalender. Sie war das erste chinesische Model, das bei der berühmten Dessous-Show auftrat – und zugleich das erste ostasiatische Model überhaupt auf dem Victoria’s-Secret-Laufsteg.
Für die internationale Modebranche war Liu Wen damit plötzlich ein Gesicht für ein China, das damals auf den großen westlichen Laufstegen noch deutlich weniger sichtbar war. Für Liu selbst war es der nächste Schritt einer bemerkenswerten Karriere, die bereits wenige Jahre zuvor in ihrer Heimat begonnen hatte.
Von Hunan auf die großen Laufstege der Welt
Liu Wen wurde 1988 in Yongzhou in der chinesischen Provinz Hunan geboren. Ihre Modelkarriere begann Mitte der 2000er-Jahre. 2008 folgte der internationale Durchbruch: In Paris und auf den anderen großen Modewochen wurde sie für renommierte Häuser gebucht.
Was anschließend folgte, war ein außergewöhnliches Arbeitstempo. Für die Saison Herbst/Winter 2009 soll Liu Wen bei 74 Shows in New York, London, Mailand und Paris gelaufen sein. In der darauffolgenden Frühjahr/Sommer-Saison waren es 70 Auftritte.
Burberry, Chanel, Givenchy, Tom Ford und zahlreiche weitere internationale Marken gehörten zu den Stationen ihres Weges. Aus einem Model aus der chinesischen Provinz wurde innerhalb weniger Jahre ein global bekanntes Gesicht.
Der Victoria’s-Secret-Auftritt 2009 machte diese Entwicklung besonders sichtbar. Liu Wen war nicht nur eine chinesische Ausnahmeerscheinung, sondern wurde zu einer Pionierin für asiatische Models in einer Branche, deren Schönheitsideal lange stark westlich geprägt war.
Ein Jahr später der nächste historische Schritt
2010 folgte eine weitere Premiere: Estée Lauder machte Liu Wen zum ersten asiatischen globalen Markenbotschafter des Kosmetikkonzerns.
Diese Rolle war für ihre Karriere besonders wichtig, denn ein internationaler Beauty-Vertrag besitzt in der Modebranche eine andere Bedeutung als ein einzelner Laufstegauftritt. Liu Wen wurde damit zu einem Gesicht, das nicht nur Mode präsentierte, sondern auch Vorstellungen davon beeinflusste, was weltweit als schön und modern wahrgenommen wird.
Liu selbst hat später über diesen Wandel geschrieben. Sie beschrieb, wie sich mit ihrer zunehmenden internationalen Sichtbarkeit auch die Darstellung asiatischer Frauen veränderte: weg von stereotypen Vorstellungen von Zurückhaltung und Zierlichkeit, hin zu einem Bild selbstbewusster, unabhängiger und beruflich erfolgreicher Frauen.
Damit wurde Liu Wen gewissermaßen selbst Teil eines kulturellen Wandels.
Vom chinesischen Model zum internationalen Supermodel
In den folgenden Jahren entwickelte Liu Wen ihre Karriere konsequent weiter. 2013 wurde sie als erstes asiatisches Model in die Forbes-Liste der bestbezahlten Models aufgenommen.
2017 kam ein weiterer Meilenstein hinzu: Liu Wen erschien auf dem Cover der amerikanischen Vogue. Damit schrieb sie erneut Modegeschichte. Sie war das erste chinesische Model auf dem Frontcover der US-Ausgabe.
Ihre Laufbahn beschränkte sich dabei nie auf einen einzigen Markt. Sie arbeitete in New York und Paris ebenso wie in China und war auf internationalen und chinesischen Magazincovern präsent.
Auch Victoria’s Secret blieb ein wichtiger Teil ihrer Geschichte. Nach ihrem Debüt 2009 kehrte sie mehrfach zur Show zurück. 2017 lief sie bereits ihre fünfte Victoria’s-Secret-Show; im selben Jahr fand die Veranstaltung erstmals in Shanghai statt.
Das war symbolisch bemerkenswert: Die Frau, die Jahre zuvor als erstes chinesisches Model die Victoria’s-Secret-Bühne in den USA betreten hatte, stand nun bei der ersten Victoria’s-Secret-Show in China auf der Bühne.
Eine Brücke, die in beide Richtungen funktioniert
Genau hier liegt die besondere Bedeutung von Liu Wen für die Verbindung zwischen China und dem Westen.
Sie ist keine klassische Kulturvermittlerin und keine Politikerin. Aber ihre Biografie zeigt, wie kultureller Austausch im Alltag der globalisierten Modebranche funktionieren kann: Ein chinesisches Model wird zu einem internationalen Gesicht, während internationale Marken und Medien gleichzeitig zunehmend nach China blicken.
Liu Wen hat diese Rolle nicht nur als chinesisches Gesicht für westliche Marken ausgefüllt. Sie hat auch dazu beigetragen, chinesische Perspektiven auf Schönheit und Selbstbild in internationalen Medien sichtbarer zu machen.
Das macht sie zu einer interessanten Brückenbauerin zwischen China und dem Westen – nicht im diplomatischen, sondern im kulturellen Sinn.
Ihre Karriere erzählt dabei auch eine größere Geschichte: Während chinesische Konsumenten für die globale Luxusindustrie immer wichtiger wurden, wurden chinesische Models zunehmend selbst zu internationalen Stars. Liu Wen gehörte zu denjenigen, die diesen Wandel früh sichtbar machten.
2024: Liu Wen auf dem Cover der französischen Vogue
Auch im fortgeschrittenen Stadium ihrer Karriere blieb Liu Wen eine Ausnahmeerscheinung. 2024 wurde sie als erstes Model asiatischer Herkunft mit einem Solo-Cover der französischen Vogue präsentiert – ein weiterer Meilenstein in einer Karriere, die immer wieder traditionelle Grenzen der Modebranche überschritten hat.
Ihre Bedeutung liegt deshalb heute nicht mehr allein darin, dass sie einst „die Erste“ war. Vielmehr ist bemerkenswert, dass sie ihre internationale Relevanz über fast zwei Jahrzehnte bewahren konnte.
Comeback auf den Laufstegen
Nach einer Phase, in der sie weniger häufig auf den internationalen Laufstegen zu sehen war, kehrte Liu Wen in den vergangenen Jahren wieder stärker auf die Fashion Weeks zurück. Die South China Morning Post berichtete 2023 über ihre Rückkehr auf die Laufstege unter anderem für Prada und Isabel Marant.
Und die Entwicklung setzte sich fort.
Im Juli 2026 widmete das US-amerikanische V Magazine Liu Wen ein aktuelles Porträt. Das Magazin bezeichnet sie darin weiterhin als eine der prägenden Kräfte der Modelbranche und hebt ihre zahlreichen Karrierepremieren hervor.
Auch aktuelle Branchenaufzeichnungen führen Liu Wen weiterhin als aktive Laufstegkraft. Für 2026 werden Auftritte bei der Pariser Fashion Week und der Haute Couture Week verzeichnet.
Das ist vielleicht die bemerkenswerteste Entwicklung ihrer Karriere: Aus dem jungen chinesischen Model, das 2009 bei Victoria’s Secret Geschichte schrieb, ist eine etablierte Persönlichkeit geworden, deren Relevanz nicht allein vom Alter oder von einzelnen spektakulären Kampagnen abhängt.
Auch 2025 wieder bei Victoria’s Secret
Ein weiterer Beleg für ihre anhaltende Bedeutung war ihre Rückkehr zur Victoria’s Secret Fashion Show 2025. In den offiziellen Credits der Show wird Liu Wen im Auftritt des Segments „Hot Pursuit“ aufgeführt.
Mehr als 15 Jahre nach ihrem historischen Debüt stand sie damit erneut auf derselben Bühne, die einst einen wichtigen Wendepunkt ihrer Karriere markiert hatte.
Für eine Modelkarriere ist das ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher ist es, wenn man berücksichtigt, wie stark sich die Modebranche in dieser Zeit verändert hat.
Mehr als ein Gesicht für China
Liu Wen verkörpert heute deshalb etwas anderes als zu Beginn ihrer Karriere. Damals stand die Frage im Vordergrund, ob ein chinesisches Model auf den wichtigsten westlichen Laufstegen bestehen kann.
Heute stellt sich diese Frage kaum noch.
Chinesische Models sind auf internationalen Laufstegen selbstverständlich geworden. Marken aus Europa und den USA betrachten China als einen der wichtigsten Märkte der Welt, während chinesische Konsumenten und Designer selbstbewusster Einfluss auf globale Modetrends nehmen.
Liu Wen war Teil dieses Wandels – und zugleich eines seiner sichtbarsten Gesichter.
Ihre Stärke liegt dabei gerade darin, dass sie nicht zwischen „chinesischer“ und „westlicher“ Identität wählen musste. Sie konnte in New York arbeiten, in Paris laufen und gleichzeitig ihre chinesische Herkunft als selbstverständlichen Teil ihrer Persönlichkeit bewahren.
Eine neue Generation folgt
Dass Liu Wen heute nicht mehr die einzige chinesische oder asiatische Ausnahme auf den großen Bühnen ist, kann auch als Teil ihres Vermächtnisses verstanden werden. Nach ihr folgten zahlreiche chinesische Models auf die internationalen Laufstege und zu Victoria’s Secret. 2017 etwa waren so viele chinesische Models wie nie zuvor für die Show vorgesehen.
Die Entwicklung zeigt, wie sich die Modewelt innerhalb einer Generation verändert hat.
Liu Wen musste Türen öffnen, durch die andere später selbstverständlich hindurchgehen konnten.
Liu Wen als Symbol einer globaleren Modewelt
Heute, im Jahr 2026, ist Liu Wen deshalb weniger eine „Newcomerin aus China“ als eine etablierte internationale Supermodel-Persönlichkeit.
Ihre Geschichte lässt sich zugleich als Geschichte der Globalisierung lesen: Ein Mädchen aus Hunan gelangt auf die größten Laufstege der Welt, wird zum Gesicht internationaler Marken, prägt Schönheitsdiskussionen und kehrt immer wieder nach China zurück.
Gerade deshalb kann Liu Wen als Brückenbauerin zwischen China und dem Westen verstanden werden. Nicht, weil sie offiziell eine solche Aufgabe übernommen hätte, sondern weil ihre gesamte Karriere Grenzen zwischen Märkten, Kulturen und Schönheitsvorstellungen überschritten hat.
Von Victoria’s Secret über Estée Lauder und die amerikanische Vogue bis zu ihren aktuellen Auftritten in Paris und New York zieht sich dabei ein roter Faden: Liu Wen musste ihre chinesische Herkunft nicht hinter sich lassen, um international erfolgreich zu werden.
Im Gegenteil.
Ihre Herkunft wurde zu einem Teil ihrer internationalen Stärke.
Und vielleicht liegt genau darin die größte Bedeutung ihrer Karriere: Liu Wen zeigt einer neuen Generation chinesischer Frauen, dass man in der globalen Welt zuhause sein kann, ohne die eigene Herkunft aufzugeben.



