FOKUS CHINA

China verstehen. Zukunft gestalten.

Jiang Zemins 100. Geburtstag: Xi Jinping würdigt seinen Vorgänger – und Chinas Ära der Öffnung

Jiang Zemin: 100 Jahre-Gedenkfeier in Peking.

Peking – China feiert heute den 100. Geburtstag des früheren Staats- und Parteichefs Jiang Zemin mit einer großen Gedenkveranstaltung in Peking. Staats- und Parteichef Xi Jinping würdigte Jiang in der Halle des Volkes als bedeutenden Führer. In seiner Rede hob er dessen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung und Öffnung Chinas hervor.

Die Zeremonie begann am Montagvormittag in der Großen Halle des Volkes in Peking. Xi Jinping nahm als Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Staatspräsident und Vorsitzender der Zentralen Militärkommission teil und hielt eine rund 40-minütige Rede. Ministerpräsident Li Qiang leitete die Veranstaltung. Auch die übrigen Mitglieder des Politbüro-Ständigen Ausschusses sowie zahlreiche ehemalige Spitzenpolitiker waren anwesend. Insgesamt nahmen rund 6.000 Menschen teil.

Jiang Zemin prägte Chinas Aufstieg zur Wirtschaftsmacht

Jiang Zemin wurde am 17. August 1926 in Yangzhou in der ostchinesischen Provinz Jiangsu geboren. 1989 übernahm er nach den politischen Turbulenzen jenes Jahres den Posten des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Chinas. Von 1993 bis 2003 war er Staatspräsident.

Seine Amtszeit fiel in eine entscheidende Phase des chinesischen Wirtschaftsaufstiegs. China setzte die von Deng Xiaoping eingeleitete Reform- und Öffnungspolitik fort, reformierte staatliche Unternehmen, öffnete weitere Wirtschaftsbereiche und integrierte sich zunehmend in die Weltwirtschaft.

Der wohl wichtigste internationale Meilenstein seiner Amtszeit war der Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2001. Damit wurde China noch stärker in den globalen Handel eingebunden – mit weitreichenden Folgen für die internationale Industrie und insbesondere für Europa.

Auch innenpolitisch war Jiangs Ära von tiefgreifenden wirtschaftlichen Veränderungen geprägt. China entwickelte sich in den 1990er-Jahren zu einem der wichtigsten Produktionsstandorte der Welt und legte damit einen wesentlichen Grundstein für seine heutige wirtschaftliche Bedeutung.

Xi stellt Jiang in die offizielle Parteigeschichte

In seiner Rede würdigte Xi Jinping Jiang ausdrücklich als zentralen Führer der dritten Führungsgeneration der Kommunistischen Partei. Jiang habe entscheidend dazu beigetragen, die Reform und Öffnung fortzuführen und Chinas Entwicklung zu Beginn des 21. Jahrhunderts voranzutreiben.

Dabei stellte Xi Jiang nicht als Gegenmodell zur heutigen chinesischen Politik dar. Vielmehr ordnete er dessen politische Arbeit in die offizielle Entwicklungsgeschichte der Kommunistischen Partei ein.

Das ist politisch bemerkenswert.

Denn das China der Jiang-Zemin-Jahre war stärker von wirtschaftlicher Öffnung, Globalisierung und der Integration in internationale Märkte geprägt. Das heutige China unter Xi Jinping setzt dagegen deutlich stärker auf technologische Eigenständigkeit, strategische Industrien, nationale Sicherheit und eine stärkere Rolle des Staates in der Wirtschaft.

Xi präsentierte Jiang dennoch als Teil einer Entwicklung, die letztlich zum heutigen China geführt habe.

Eine auffällige Demonstration der Parteieinheit

Die Größe und politische Bedeutung der Zeremonie geht über einen gewöhnlichen historischen Gedenktag hinaus.

Nahezu die gesamte aktuelle Parteiführung nahm teil. Unter den Anwesenden waren neben Xi und Li Qiang auch die weiteren Mitglieder des Ständigen Ausschusses des Politbüros sowie mehrere ehemalige Spitzenpolitiker. Der frühere Ministerpräsident Wen Jiabao und der ehemalige Vizepräsident Wang Qishan waren ebenfalls dabei. Der frühere Staats- und Parteichef Hu Jintao fehlte.

Die Veranstaltung vermittelt damit vor allem ein Signal der politischen Kontinuität und Geschlossenheit.

Bemerkenswert ist dabei auch, dass Jiang Zemin nach seinem Ausscheiden aus den Spitzenämtern weiterhin über ein politisches Netzwerk verfügte, das häufig als „Shanghai-Clique“ bezeichnet wurde. Unter Xi Jinping verloren viele mit Jiang verbundene Funktionäre später ihren Einfluss.

Die heutige Ehrung zeigt deshalb auch: Die politische Bewertung Jiang Zemins wird von seiner früheren Machtbasis getrennt. Sein historisches Vermächtnis wird ausdrücklich in die offizielle Geschichte der Kommunistischen Partei integriert.

Was Jiang Zemin mit Europa verbindet

Für Europa ist Jiang Zemins Vermächtnis besonders interessant.

Die wirtschaftliche Beziehung zwischen China und Europa, wie wir sie heute kennen, entstand wesentlich in jener Phase.

Der WTO-Beitritt Chinas 2001 beschleunigte die Integration des Landes in globale Lieferketten. Europäische Unternehmen investierten in China, chinesische Exporte explodierten und die wirtschaftliche Verflechtung zwischen China und Europa nahm stark zu.

Heute hat sich das Verhältnis grundlegend verändert.

China ist für Europa nicht mehr nur ein wichtiger Absatzmarkt und Produktionsstandort. Chinesische Unternehmen konkurrieren zunehmend direkt mit europäischen Herstellern – etwa bei Elektroautos, Batterien, Maschinen und zahlreichen Zukunftstechnologien.

Damit steht die Jiang-Ära symbolisch für eine Phase, in der China sich für die Welt öffnete.

Das heutige China unter Xi Jinping steht stärker für ein Land, das seine wirtschaftliche und technologische Stärke selbstbewusst als strategisches Instrument einsetzt.

Ein historischer Moment mit aktueller Botschaft

Jiang Zemin starb im November 2022 im Alter von 96 Jahren. Vier Jahre später nutzt die chinesische Führung seinen 100. Geburtstag, um seine Rolle in der Geschichte der Partei und des chinesischen Aufstiegs ausdrücklich hervorzuheben.

Xi Jinping verbindet dabei zwei Botschaften: Würdigung der historischen Führungsgeneration – und die Betonung der heutigen Führung unter seiner eigenen Autorität.

Für Europa ist vor allem der wirtschaftliche Aspekt interessant.

Ein großer Teil des heutigen China, mit dem Europa wirtschaftlich ringt, entstand während jener Reform- und Öffnungsphase, die Jiang Zemin entscheidend mitprägte.

Der 100. Geburtstag Jiang Zemins ist deshalb nicht nur ein Blick zurück. Er erinnert auch daran, wie schnell sich Chinas Verhältnis zur Welt verändert hat – von der Öffnung und Integration hin zu einem selbstbewussten globalen Wirtschafts- und Technologiemachtzentrum.

About The Author