Keine Gesellschaft ist so kalt wie die westliche.
Keine Gesellschaft ist so kalt wie die westliche. Das chinesische Wort ren hat zwei Bedeutungen und führt uns vor, wo wir versagen.
Als Mama sagte, dass westliche Menschen kein Herz hätten, bin ich zu meinem Vater gerannt. Mein Vater ist Schweizer, meine Mutter Chinesin. Ich hatte Angst, er müsste sterben, denn wenn das Herz kaputt ist, ist das Leben kaputt. “Was tust du da?”, wunderte sich Papa über meine plötzliche Umarmung. “Ich höre dein Herz”, antwortete ich und war erleichtert.
In der chinesischen Sprache gibt es zwei Zeichen für das Wort ren. Das erste ist einfach: es besteht aus zwei Strichen, welche die Beine eines Menschen symbolisieren. Das Zeichen 人 hat denn auch dieselbe Bedeutung: Mensch. Die Alternative dazu wäre das Zeichen 仁 (ebenfalls: ren). Durch die Ergänzung um ein Striche-Paar – dieses steht für die Zahl Zwei – ändert sich die Bedeutung des Wortes. Bei der Aussprache gibt es keinen Unterschied. Zwei Menschen können sich in unterschiedlicher Weise gegenüberstehen. Man kann seinen Gegenüber als Freund oder Feind sehen. Und dann gibt es noch die würdevolle – neutrale – Begegnungshaltung. Man akzeptiert ihn oder sie für das, was er oder sie ist. Zu sein glaubt. Zu sein vorgibt. Die westliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft des Scheins. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass das deutsche Wort Person aus dem lateinischen Begriff persona entlehnt wurde. Eine persona steht für zweierlei: Mensch und Maske. Die Römer – dem Theater (lat. spectaculum oder drama) so angetan wie kein anderes Volk – liebten das Ränkespiel um menschliche Identitäten. Von vielen Auslandchinesen kenne ich die Aussage, die westlichen Menschen wären kalt. Ihnen fehle das Herz. Die zweite Bedeutung von ren (仁) ist nämlich: Mitgefühl. In der chinesischen Sprache gibt es einen Begriff, der lautet: zuoren (做人). Wörtlich übersetzt heisst das: einen Menschen machen. Die bessere Übersetzung wäre vielleicht: sich wie ein Mensch verhalten. Das Menschsein wird als Aufgabe dargestellt. In der chinesischen Gesellschaft ist jeder für den anderen verantwortlich. Vielleicht ist dies der tiefere Sinn von 仁. Jede Aktion erfordert eine Reaktion. Reaktionen rufen manchmal Gegenreaktionen hervor. Als Kompass dienen unsere Emotionen. Mit der menschlichen Seele verhält es sich wie mit Porzellan: Eine kaputte Vase kann ihren Zweck nicht erfüllen. Deshalb ist man sich seiner Verantwortung bewusst. Man ist bereit den Wert der Gesellschaft als solchen zu erkennen. Schon im Alten Rom wusste man: Masken sind dazu da um das wahre Gesicht des Menschen zu verdecken. Heute sind alle durchsichtig. Wenn aber jeder versucht den anderen zu verblenden, verblenden wir uns am Schluss selbst. Genau hier liegt das Problem der westlichen Kultur: wir wissen nicht mehr, wer wir sind. Da keiner weiss, wer er ist, braucht er sich auch nicht dafür zu interessieren, wer die anderen sind. Dem westlichen Menschen fehlt das Mitgefühl – die Essenz des menschlichen Daseins. Das Herz.
