Donghua Li, Olympiasieger 1996.
“Das Unmögliche möglich machen” – wenn Donghua Lis Autobiografie einen Titel braucht, ist es dieser. Internationale Werbeaufträge und eine eindrückliche Sammlungen von Trophäen schmücken den Lebensweg des Ausnahmesportlers. Chinesischer Meister, Schweizermeister, Europameister und Weltmeister – alles darf er sich nennen. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. FOKUS CHINA traf den Olympiasieger von 1996 an seinem Wohnort in Luzern. Das Interview mit Donghua Li bietet Einblicke – nicht nur in das Leben eines wahren Siegers, sondern auch in den Werdegang eines unermüdlichen Kämpfers und ambitionierten Brückenbauers zwischen zwei Kulturen.
Von der Terrasse aus lässt sich die Königin der Berge erblicken: die Rigi. Seit 36 Jahren lebt Donghua Li in der Schweiz. Die Geschichte des Olympiasiegers von 1996 berührt und motiviert zugleich. Sie macht Mut und lässt einen aufhorchen, denn Lis Leben widerspiegelt zu einem Teil die Geschichte Chinas. Als Donghua Li 1989 seine alte Heimat verliess, war er gerade mal 21 Jahre alt und hatte bereits mehrere Schicksalsschläge erlebt. Eine Halsverletzung zwang den Teenager, welcher seine ganze Kindheit dem Sport gewidmet hatte, in den Rollstuhl. 1988 blieb ihm deswegen die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Seoul untersagt – ein herber Rückschlag für den chinesischen Meister auf dem Paschenpferd. Im selben Jahr lernte Li auf dem Tiananmen-Platz seine spätere Ehefrau und ewige Verbündete Esperanza Friedli kennen. Das Paar entschied sich in die Schweiz zu ziehen.
Als Donghua Li mit der Eisenbahn neun Tage durch die Mongolei und über die DDR bis nach Luzern reiste, wusste er nicht, was ihn am neuen Wohnort erwarten würde. Für den gebürtigen Chinesen galt der Westen als Sinnbild für Freiheit, Gleichheit und den american dream. Im Gegensatz zu China, das erst 1978 durch Deng Xiaoping seine Öffnung erfuhr, würden ihm in der Schweiz alle Türen offen stehen. So war der ehrgeizige Sportler voller Hoffnung, und er war bereit alles zu geben.
Umso grösser dann die Enttäuschung: am Fuss der Rigi und des Pilatus schlug ihm Kälte ins Gesicht. Nicht nur auf dem Thermometer. “Die Menschen waren kalt an diesem fremden Ort”, so Li. Anfangs musste er sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, durfte wegen fehlender Staatsangehörigkeit nicht an Turnieren teilnehmen und litt unter den feindseligen Kommentaren der hiesigen Bevölkerung. “Die ersten fünf Jahre in der Schweiz waren eine Tortur”, erinnert sich der Vater zweier Kinder. Er empfand sie als schlimmer als jene Torturen, welche er am Sportinternat in seiner Heimatprovinz Sichuan ertragen musste. “Die Zeit meiner Ausbildung war körperlich anstrengend, aber das, was ich hier erlebt habe – diese Verlorenheit – war schier unerträglich.” Wie oft dachte er ans aufgeben. “Und jedes Mal war es meine Frau, die an mich geglaubt und mich motiviert hat weiterzumachen.” Bis zu dem Tag, da der Name Donghua Li in aller Munde sein sollte: am 28. Juli 1996 gewann Li Olympiagold in Atlanta, und zwar als Repräsentant für die Schweiz. Über Nacht mauserte sich der preisgekrönte Kunstturner zum begehrten Werbeträger renommierter Schweizer Marken wie V-Zug. So schnell kann ein Alptraum zum Traum werden. Oder umgekehrt.
Man kann sagen: Li hat das Unmögliche möglich gemacht. Ein Mensch, dem prophezeit worden war, nie wieder richtig gehen zu können, hat sich abermals zu einer sportlicher Höchstleistung zusammengerauft. Die ganze Welt hat applaudiert. Niemand sah das Leid dahinter. “Genauso verhält es sich mit China”, ergänzt Donghua Li in unserem Interview. “Die ganze Welt hält es für unmöglich, dass sich das ehemalige Entwicklungsland durch harte Arbeit und konsequente Umsetzung von Strategien zur erfolgreichen Wirtschaftsnation gewandelt hat.” Und weil wir es für unmöglich hielten, würden wir uns China zum Feind machen. “Dabei wäre es – vor allem in Zeiten von Krieg – wichtig, dass alle am gleichen Strick ziehen und wir bereit sind voneinander zu lernen.” Der gutmütige Luzerner blickt der Zukunft positiv entgegen. “Die Menschheit ist Eins. Wir alle sind Teil einer ganzen Familie und müssen zusammenhalten.”
“Die Menschheit ist Eins. Wir alle sind Teil einer ganzen Familie und müssen zusammenhalten.”
Donghua li

