Chinas früherer Ministerpräsident Zhu Rongji starb am 12. August 2026 nach langer Krankheit in Peking. Der 1928 in Changsha geborene Zhu stand von 1998 bis 2003 stand er an der Spitze der chinesischen Regierung und prägte die wirtschaftliche Entwicklung des Landes wie kaum ein anderer Politiker seiner Generation.
Zhus Name steht für eine Phase, in der China den Übergang von einer noch stark staatlich gelenkten Wirtschaft zu einer zunehmend marktorientierten und international verflochtenen Volkswirtschaft vollzog. Zhu war dabei kein Liberaler im politischen Sinne. Er war ein überzeugter Kommunist und Befürworter der politischen Führung der Kommunistischen Partei Chinas. Seine Öffnung war vor allem eine wirtschaftliche Öffnung zum Westen und zur Welt, keine politische Liberalisierung.
Vom Technokraten zum „eisernen Premier“
Zhu Rongji studierte Elektrotechnik an der Tsinghua-Universität in Peking. Während der politischen Kampagnen unter Mao Zedong geriet er aufgrund seiner reformorientierten Positionen unter Druck und wurde zeitweise aus dem politischen Zentrum verdrängt. Nach seiner politischen Rehabilitierung stieg er jedoch schnell auf.
Nationale Bekanntheit erlangte Zhu zunächst als Bürgermeister von Shanghai. Dort machte er sich einen Namen als pragmatischer und durchsetzungsstarker Modernisierer. 1991 wurde er stellvertretender Ministerpräsident und übernahm zunehmend Verantwortung für die chinesische Wirtschaft. Später wurde er auch Gouverneur der chinesischen Zentralbank.
Als Ministerpräsident unter Präsident Jiang Zemin wurde Zhu für seinen kompromisslosen Stil bekannt. In China erhielt er den Ruf eines „eisernen“ oder „harten“ Regierungschefs. Korruption bekämpfte er mit großer Härte, gleichzeitig verlangte er von Staatsunternehmen, Banken und lokalen Behörden eine größere wirtschaftliche Disziplin.
Seine Reformpolitik hatte allerdings einen hohen sozialen Preis. Zahlreiche ineffiziente Staatsunternehmen wurden umstrukturiert oder geschlossen, Millionen Beschäftigte verloren ihre bisherigen Arbeitsplätze. Gleichzeitig wurden Unternehmen stärker dem Wettbewerb ausgesetzt und die Rolle des Marktes ausgeweitet.
Zhu und die große wirtschaftliche Neuordnung Chinas
Eine der wichtigsten Reformen seiner Amtszeit war die Neuordnung der Staatsfinanzen. Die Steuerreform von 1994 stärkte die Einnahmen der Zentralregierung in Peking und schuf damit einen leistungsfähigeren Staatshaushalt.
Zugleich legte Zhu die Grundlage für eine umfassende Modernisierung des Finanz- und Unternehmenssektors. Staatsunternehmen sollten nicht mehr allein deshalb bestehen, weil sie staatlich waren. Sie mussten effizienter werden und sich stärker an wirtschaftlichen Kriterien orientieren.
Die Reformen veränderten damit das Verhältnis zwischen Staat und Markt. Der Staat verschwand keineswegs aus der Wirtschaft – aber er begann, sich aus zahlreichen Bereichen zurückzuziehen und den Wettbewerb stärker als Instrument der Modernisierung einzusetzen. Die Weltbank beschreibt die Jahre der Zhu-Regierung rückblickend als eine Phase, in der der chinesische Staat zunehmend Raum für Marktmechanismen schuf.
Diese Politik trug wesentlich dazu bei, dass China in den folgenden Jahren zu einem Zentrum der globalen Produktion werden konnte.
Der wichtigste Schritt nach Westen: Chinas WTO-Beitritt
Zhus vielleicht bedeutendstes internationales Vermächtnis ist Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO).
Die Verhandlungen hatten bereits lange vor seiner Amtszeit begonnen. Doch Zhu machte den WTO-Beitritt zu einem zentralen Element seiner wirtschaftspolitischen Strategie. Für ihn bedeutete die Integration in das internationale Handelssystem nicht nur Zugang zu ausländischen Märkten. Sie sollte China auch dazu zwingen, die eigene Wirtschaft zu verändern.
Am 11. Dezember 2001 wurde China schließlich als 143. Mitglied in die WTO aufgenommen – nach rund 15 Jahren Verhandlungen. Im Rahmen des Beitritts verpflichtete sich Peking unter anderem zu weitreichenden Öffnungen für Handel und ausländische Unternehmen sowie zur Anpassung zahlreicher chinesischer Regeln an WTO-Vorgaben.
Damit wurde China wesentlich stärker in die westlich geprägte Weltwirtschaft eingebunden.
Das war eine strategische Entscheidung mit enormen Folgen: Ausländische Unternehmen erhielten besseren Zugang zum chinesischen Markt, chinesische Unternehmen bekamen Zugang zu internationalen Absatzmärkten. Gleichzeitig mussten chinesische Produzenten mit deutlich stärkerem internationalen Wettbewerb umgehen.
Zhu nutzte die Globalisierung somit gewissermaßen als Reformdruck von außen. Der WTO-Beitritt sollte China nicht nur öffnen – er sollte China durch den internationalen Wettbewerb auch verändern.
Eine Öffnung, die China grundlegend veränderte
Die Folgen waren enorm. In den Jahrzehnten nach dem WTO-Beitritt entwickelte sich China zur „Werkbank der Welt“. Exporte, ausländische Investitionen und die Einbindung chinesischer Unternehmen in globale Lieferketten nahmen massiv zu.
Die WTO selbst bezeichnete Chinas Beitritt später als ein entscheidendes Ereignis in der Geschichte des multilateralen Handelssystems. Die mit dem Beitritt verbundenen Reformen hätten wesentlich zur wirtschaftlichen Transformation und Modernisierung Chinas beigetragen.
Für den Westen bedeutete Zhus Politik, dass China nicht mehr nur ein riesiger, aber weitgehend abgeschotteter Markt war. China wurde zu einem zentralen Bestandteil der internationalen Wirtschaftsordnung – und damit zugleich zu einem immer wichtigeren Handelspartner Europas und der USA.
Gerade deshalb ist Zhu Rongji für das heutige China von so großer Bedeutung.
Der Widerspruch in seinem Erbe
Zhus Vermächtnis ist allerdings komplexer als die Geschichte eines erfolgreichen Reformers.
Die wirtschaftliche Öffnung machte China reich und international wettbewerbsfähig. Sie schuf aber auch strukturelle Abhängigkeiten und Ungleichgewichte. Die starke Exportorientierung wurde zu einem zentralen Bestandteil des chinesischen Wachstumsmodells.
Auch die damalige Finanz- und Steuerreform hatte langfristige Nebenwirkungen. Weil lokale Regierungen nach der Zentralisierung der Steuereinnahmen weiterhin umfangreiche Ausgaben finanzieren mussten, entwickelten sich Landverkäufe und außerbudgetäre Finanzierung zu wichtigen Einnahmequellen. Nach Einschätzung von Reuters gehören die daraus entstandenen strukturellen Probleme bis heute zu den Herausforderungen der chinesischen Wirtschaft.
Damit zeigt sich ein bemerkenswerter historischer Zusammenhang: Einige der Probleme, mit denen China heute kämpft – von der Verschuldung lokaler Regierungen bis zur starken Exportabhängigkeit – haben teilweise ihre Wurzeln in genau jener Reformära, die Chinas Aufstieg überhaupt erst beschleunigte.
Kein chinesischer Gorbatschow
Im Westen wurde Zhu Rongji gelegentlich mit Reformpolitikern verglichen, die eine weitergehende politische Öffnung Chinas hätten einleiten können. Doch dieser Vergleich führt in die Irre.
Zhu wollte die chinesische Wirtschaft modernisieren, nicht das politische System abschaffen oder grundlegend liberalisieren. Seine Reformen sollten die Leistungsfähigkeit des sozialistischen Staates erhöhen und die Herrschaft der Kommunistischen Partei stabilisieren.
Gerade darin liegt ein zentraler Unterschied zwischen Zhu Rongji und manchen westlichen Vorstellungen über „Reform und Öffnung“.
Seine Botschaft lautete sinngemäß: China kann sich wirtschaftlich öffnen, internationale Regeln übernehmen und mit westlichen Unternehmen konkurrieren, ohne seine politische Ordnung aufzugeben.
Diese Kombination prägt China bis heute.
Was bleibt von Zhu Rongji?
Zhu Rongji gehörte zu einer Generation chinesischer Politiker, die davon überzeugt waren, dass China wirtschaftlich aufholen musste, um international wieder stark zu werden.
Er setzte dabei auf Marktmechanismen, internationale Konkurrenz, ausländische Investitionen und die Einbindung in globale Institutionen. Der WTO-Beitritt wurde zum Symbol dieser Strategie.
Heute ist China längst nicht mehr das Land, das Zhu Anfang der 2000er-Jahre hinterließ. Unter Xi Jinping hat sich das Verhältnis zwischen Staat und Markt erneut verschoben, während der wirtschaftliche Konflikt mit den USA und die strategische Rivalität mit dem Westen die Grenzen jener früheren Phase der Globalisierung sichtbar machen.
Gerade deshalb bekommt Zhus Tod eine besondere historische Bedeutung.
Er steht am Ende einer politischen Generation, die China für die Weltwirtschaft öffnete – und zugleich am Beginn einer Zeit, in der China und der Westen wirtschaftlich so eng miteinander verflochten sind wie nie zuvor, politisch aber zunehmend auf Konfrontationskurs liegen.
Zhu Rongji hat China nicht zum Westen gemacht. Er hat etwas möglicherweise Entscheidenderes getan: Er half dabei, China in die Weltwirtschaft einzubauen, ohne die politische Kontrolle der Kommunistischen Partei aufzugeben.
Die Folgen dieser Entscheidung bestimmen die chinesische Wirtschaft und Chinas Verhältnis zum Westen bis heute.














