China, BRICS und die Zukunft einer multipolaren Weltordnung – Vito Petrocelli im Interview
Vito Petrocelli ist Präsident des Instituts Italia BRICS und ehemaliger italienischer Senator. Von 2018 bis 2022 leitete er den Auswärtigen Ausschuss des italienischen Senats und setzte sich insbesondere für die parlamentarische Diplomatie sowie den Ausbau der internationalen Beziehungen zu China, Russland und den Staaten des Globalen Südens ein. Er nahm an zahlreichen internationalen Konferenzen teil, darunter dem Belt and Road Forum in Peking, und begleitete 2019 den Staatsbesuch von Chinas Präsident Xi Jinping in Italien in offizieller Funktion.
Heute beschäftigt sich Petrocelli als Präsident des Instituts Italia BRICS intensiv mit den politischen, wirtschaftlichen und strategischen Entwicklungen der BRICS-Staaten und ihrer Rolle in einer sich wandelnden Weltordnung.
Im Interview mit Fokus China Deutsch spricht Vito Petrocelli über den Aufstieg der BRICS, Chinas wachsenden Einfluss auf die internationale Ordnung und die Bedeutung des chinesischen BRICS-Vorsitzes 2027. Im Mittelpunkt stehen außerdem Italiens Beziehungen zu China, der umstrittene Ausstieg aus der Neuen Seidenstraße und die Frage, ob Europa eine eigenständigere Außenpolitik gegenüber Peking entwickeln sollte. Dabei erläutert Petrocelli, weshalb er in einer engeren Zusammenarbeit zwischen Europa, China und den BRICS-Staaten große wirtschaftliche und geopolitische Chancen sieht.

Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Entwicklung der BRICS in einem sich rasch wandelnden internationalen System, insbesondere aus der Perspektive Chinas und des Globalen Südens?
Ich glaube, dass die BRICS heute das wichtigste Phänomen darstellen, um den Wandel der internationalen Ordnung zu verstehen. Sie sind längst nicht mehr nur ein Zusammenschluss großer Schwellenländer. Mit der Erweiterung 2024 und dem Beitritt Indonesiens 2025 ist die Gruppe repräsentativer für den Globalen Süden geworden und hat zunehmend politische und diplomatische Bedeutung erlangt.
Die BRICS wurden nicht gegründet, um eine Hegemonie durch eine andere zu ersetzen, sondern um zum Aufbau eines multipolaren internationalen Systems beizutragen. Länder mit unterschiedlichen Geschichten, Kulturen und politischen wie wirtschaftlichen Systemen sollen zusammenarbeiten können, ohne dass ein einzelnes Land den anderen seine Regeln aufzwingt. Diesen inklusiven und gleichberechtigten Charakter habe ich auch bei meiner Bewertung des Gipfels von Kasan hervorgehoben.
China betrachtet sein Wachstum nicht nur als nationale Angelegenheit, sondern als Teil eines umfassenderen Wandels der globalen Regierungsführung. Die chinesischen Initiativen für Governance, Entwicklung, Sicherheit und internationale Zusammenarbeit gehören aus meiner Sicht zu diesem Prozess. Die BRICS sind eines der Instrumente, durch die er konkret werden kann.
Es wäre falsch, die BRICS allein durch die Brille des Wettbewerbs zwischen China und den USA zu betrachten. Der Globale Süden verlangt vor allem mehr Entscheidungsautonomie, stärkere Vertretung in internationalen Institutionen und die Freiheit, eigene Interessen zu verfolgen, ohne zwischen zwei Blöcken wählen zu müssen. Deshalb stehen die Reform der Vereinten Nationen und internationaler Finanzinstitutionen sowie die wirtschaftliche und finanzielle Zusammenarbeit auf der Agenda.
Natürlich bringt die Erweiterung Schwierigkeiten mit sich: Mehr Länder bedeuten mehr Interessen und Unterschiede, sodass robustere Regeln und Koordinierungsmechanismen notwendig werden. Bereits 2023 habe ich klare Beitrittskriterien und Formen der Zusammenarbeit gefordert. Gerade die Vielfalt ist jedoch eine Stärke der BRICS. Sie sind weder eine Organisation wie die EU noch ein Militärbündnis, sondern ein Kooperationsformat für Handel, Finanzen, Entwicklung, Technologie, Energie, Sicherheit und internationale Reformen.
Es entsteht eine Welt, in der der Globale Süden selbst zum handelnden Subjekt werden will, statt bloß Gegenstand andernorts getroffener Entscheidungen zu sein. Die BRICS sind trotz ihrer Grenzen und Unterschiede einer der wichtigsten Orte, an denen dieses Bestreben Gestalt annimmt.
China wird 2027 den Vorsitz der BRICS übernehmen. Was werden Ihrer Meinung nach die wichtigsten Prioritäten Pekings sein, und welche Rolle könnte diese neue Phase der Zusammenarbeit beim Aufbau einer multipolareren Weltordnung spielen?
Der chinesische Vorsitz 2027 könnte einen entscheidenden Schritt in der Reifung der BRICS darstellen, vergleichbar mit dem russischen Vorsitz und dem historischen Gipfel von Kasan 2024. Die Gruppe ist nicht nur größer, sondern auch repräsentativer für den Globalen Süden geworden. Jetzt muss diese Repräsentativität in konkrete Handlungsfähigkeit übersetzt werden.
Ich erwarte einen stark ergebnisorientierten Vorsitz: mehr Handel und Investitionen innerhalb der Gruppe, engere finanzielle Zusammenarbeit und Instrumente, die die Anfälligkeit gegenüber einem vom Dollar dominierten internationalen Finanzsystem verringern. Ebenso wichtig sind Technologie, künstliche Intelligenz, Energie, Infrastruktur und stabile globale Wertschöpfungsketten. China hat 2026 bereits Vorschläge für eine BRICS-KI-Zone, Sonderwirtschaftszonen und den Austausch von Dienstleistungen gemacht.
Noch wichtiger ist die globale Governance. China entwickelt eine Vorstellung internationaler Ordnung, die auf Souveränität, gemeinsamer Entwicklung, Kooperation und stärkerer Vertretung der Schwellenländer beruht. Die BRICS können diese Vorstellungen in praktische Maßnahmen übersetzen.
Peking könnte den Grundsatz betonen, dass größere BRICS auch funktionsfähigere BRICS werden müssen. Die Erweiterung war historisch, doch mehr Mitglieder bedeuten zwangsläufig mehr Unterschiede. Deshalb braucht es Mechanismen, die greifbare Ergebnisse liefern.
Multipolarität darf nicht einfach neue gegnerische Blöcke hervorbringen. Sonst wäre sie nur eine Neuauflage der alten bipolaren Logik. Echte Multipolarität heißt, dass kein Land einseitig für alle entscheiden kann und internationale Probleme durch den Dialog mehrerer Macht- und Entwicklungszentren gelöst werden. Die BRICS geben jenen Ländern eine Stimme, die in der globalen Governance lange unterrepräsentiert waren. Die Reform der UNO, der Finanzinstitutionen und der globalen Entscheidungsverfahren dürfte daher eine wichtige Rolle spielen.
Der Vorsitz 2027 soll den Übergang von der Expansion zur Konsolidierung markieren: mehr konkrete Kooperation, wirtschaftliche und finanzielle Koordinierung, technologische Innovation und eine inklusivere internationale Ordnung. Gelingt dies, werden die BRICS endgültig erwachsen sein.
Italien ist kein BRICS-Mitglied, doch seine wirtschaftlichen und strategischen Beziehungen zu China bleiben sehr wichtig. Sollte Italien eine stärker strukturierte Beziehung zu den BRICS entwickeln, und wie könnte diese konkret aussehen?
Ja. Die BRICS repräsentieren einen wachsenden Teil der Weltwirtschaft und sind ein Ort, an dem der Wandel der internationalen Ordnung konkret diskutiert wird. Eine Zusammenarbeit muss keineswegs bedeuten, sich gegen den Westen, die EU oder die USA zu stellen. Es geht darum, mit allen großen Weltregionen Handel treiben und diplomatische Beziehungen pflegen zu können.
Italien ist historisch und geografisch ein Brückenland zwischen Europa und Afrika, Nord und Süd, West und Ost. Diese Lage sollte eine Stärke sein. Darauf beruht auch die Arbeit des Instituts Italia BRICS, dessen Präsident ich bin: Wir wollen Wissen fördern und die Diskussion an nationalen Interessen und Kooperationschancen ausrichten, nicht an Konfrontation.
Ich sehe vier Ebenen. Erstens die Wirtschaft: Italienische Unternehmen sollten die BRICS-Märkte besser kennenlernen und an Investitions- und Entwicklungsprojekten teilnehmen können. Italien hat Kompetenzen in Maschinenbau, Lebensmitteln, hochwertiger Fertigung, Energie, Infrastruktur, Design und Technologie. Diese Fähigkeiten stehen nicht im Gegensatz zum Wachstum Chinas, Indiens, Brasiliens oder anderer BRICS-Staaten.
Zweitens die Finanzen: Die BRICS entwickeln Finanzierungs- und Zahlungsinstrumente außerhalb der traditionellen dollardominierten Kanäle. Italien sollte diese Prozesse untersuchen und ihre Auswirkungen auf Banken und Industrie verstehen, statt sie zu ignorieren.
Drittens die institutionelle und diplomatische Zusammenarbeit: Wir brauchen mehr parlamentarische Besuche, gemischte Kommissionen, Universitätskooperationen, Forschungsbeziehungen und Kontakte zu den Institutionen der BRICS-Länder. Als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Senats habe ich die parlamentarische Diplomatie und direkte Beziehungen zu ausländischen Delegationen, besonders aus den BRICS und dem Globalen Süden, stets gefördert.
Viertens das gegenseitige Verständnis und die Beziehungen zwischen Menschen. Eine wirksame Außenpolitik kann nicht allein auf Informationen aus zweiter Hand beruhen. Wir müssen Entwicklungen in China, Indien, Brasilien, Russland und anderen BRICS-Ländern aus eigener Anschauung kennenlernen und den Wissensaustausch fördern.
Gerade mit China ist die Lage paradox: Italien und China betrachten sich als wichtige Partner und haben 2026 wirtschaftliche Kooperationsinstrumente reaktiviert, während es zugleich Spannungen in Handel, Technologie und Sicherheit gibt. Italien sollte dies durch pragmatischen Dialog überwinden, ohne eigene Interessen aufzugeben oder jede Wirtschaftsbeziehung geopolitisch zu überhöhen.
2025 hat das Institut Italia BRICS öffentlich gefragt, ob über einen möglichen Beitritt Italiens diskutiert werden sollte. Das erfordert eine ernsthafte politische Debatte, vor der man aber keine Angst haben sollte. Die BRICS sind weder Militärbündnis noch eine gegen die EU gerichtete supranationale Struktur. Auch ohne Beitritt könnte Italien bereits institutionalisierten Dialog, Beobachterteilnahme, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Hochschulpartnerschaften und parlamentarische Diplomatie ausbauen.
Die Wahl lautet nicht Italien oder BRICS, sondern passives Ertragen des Wandels oder aktive Mitgestaltung unter Wahrung der eigenen Interessen. Der zweite Weg entspricht unserer Geschichte und Wirtschaft.
Die italienische Regierung hat die Belt and Road Initiative verlassen und zugleich betont, die Beziehungen zu China stärken zu wollen. Wie beurteilen Sie diese Strategie, und was hat Italien durch den Austritt gewonnen oder verloren?
2023 verlängerte Italien das BRI-Memorandum nicht; 2024 belebte die Regierung die bilaterale Partnerschaft mit Peking durch einen dreijährigen Aktionsplan wieder. Ich halte den Austritt in erster Linie für eine politische Entscheidung. Die Regierung argumentierte, das Memorandum habe wirtschaftlich nicht die erhofften Ergebnisse geliefert, und versicherte zugleich, die strategische Partnerschaft mit China fortsetzen zu wollen.
Die BRI darf aber nicht nur anhand der kurzfristigen italienisch-chinesischen Handelsbilanz bewertet werden. Sie umfasst Infrastruktur, Logistik, Vernetzung, Investitionen, Technologie und die wirtschaftliche Integration ganzer Weltregionen. Für mich ist sie auch ein Instrument zur Beteiligung an Chinas umfassenderer Vision globaler Governance.
Als das Memorandum 2019 unterzeichnet wurde, war ich Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Senats. Schon damals fragte ich, ob Italien es sich leisten könne, auf Beziehungen zu einem so wichtigen Teil der Welt zu verzichten. Meine Antwort lautete und lautet: absolut nicht. Italien handelt mit den G7 und den BRICS; einen dieser Kanäle aus geopolitischen Gründen zu schwächen ergibt keinen Sinn.
Gewonnen hat Italien höchstens eine kurze Phase stärkerer Übereinstimmung mit Washington und euro-atlantischen Institutionen. Verloren hat es einen institutionellen Zugang zu einer der großen wirtschaftlichen und infrastrukturellen Transformationen des 21. Jahrhunderts und einen Teil seiner Rolle als Brücke zwischen verschiedenen Weltregionen.
Das bedeutet nicht, dass jede Beziehung zu China über die BRI laufen muss. Doch der Austritt schafft nicht automatisch bessere Handelsbedingungen. Dass Italien 2024 einen neuen bilateralen Aktionsplan unterzeichnen musste, zeigt, wie wichtig die Beziehung weiterhin ist.
Italienische Unternehmen sind in China präsent, gegenseitige Investitionen bestehen, und China bleibt ein zentraler Handelspartner. Der neue Aktionsplan umfasst Elektromobilität, erneuerbare Energien, KI und Luft- und Raumfahrt. Es ist daher widersprüchlich, die BRI zu verlassen und gleichzeitig engere Beziehungen zu verlangen, ohne eine überzeugende Gesamtstrategie zu erklären.
Was fehlt, ist eine echte italienische Strategie gegenüber China und der BRICS-Welt. Der Austritt war eher eine verpasste Gelegenheit als eine strategische Wende. Nicht weil das Memorandum perfekt war oder wirtschaftliche Vorteile garantierte, sondern weil Italien seine Teilnahme hätte nutzen sollen, um eine eigenständige China-Politik aufzubauen.
Außenminister Antonio Tajani bezeichnet China als unverzichtbaren Wirtschaftspartner und möchte die strategische Partnerschaft neu beleben. Ist dies ein langfristiger Kurswechsel oder hauptsächlich eine wirtschaftliche Strategie?
Für einen echten langfristigen Kurswechsel ist es noch zu früh. Es gibt eine Veränderung des Tons und die Einsicht, dass China nicht nur als geopolitisches Problem oder wirtschaftlicher Konkurrent gesehen werden kann. China ist eine wirtschaftliche Großmacht, ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats und ein zentraler internationaler Akteur. Tajani hat das bei seinem Besuch in Peking im April 2026 anerkannt.
Die Frage ist, ob daraus eine politische Strategie wird oder ob es bei Exportförderung bleibt. Italien braucht den chinesischen Markt und möchte sein hohes Handelsdefizit verringern. 2025 lag der bilaterale Handel bei fast 75 Milliarden Euro. Die Regierung will den Zugang für italienische Lebensmittel, Maschinen, Mode, Kosmetik und Luxusgüter verbessern. Das ist legitim, reicht für eine Großmacht wie China aber nicht aus.
Eine strategische Partnerschaft bedeutet stabilen politischen Dialog auch bei Differenzen, Zusammenarbeit bei internationalen Krisen und wissenschaftliche, technologische, kulturelle sowie finanzielle Kooperation. Vor allem setzt sie voraus, China als einen Hauptakteur der neuen Weltordnung anzuerkennen.
Die italienische und europäische Politik ist noch widersprüchlich: Einerseits gibt es mehr Reisen, Wirtschaftsgespräche und Kooperationsabkommen; andererseits neue Technologiebeschränkungen und handelspolitische Maßnahmen. Ich habe dies als Kurzschluss zwischen Dialog und Restriktionen bezeichnet.
Die eigentliche Frage lautet, ob Italien eine eigene China-Politik entwickelt oder sich nur an die Vorgaben der EU und der NATO anpasst. Mehr Eigenständigkeit bedeutet nicht, mit Europa oder den USA zu brechen, sondern die eigene Stellung in Europa zu nutzen, um italienische Interessen durch Dialog zu vertreten.
China ist mehr als ein Markt. Tajani hat in Peking auch über die Ukraine, den Nahen Osten und internationale Sicherheit gesprochen. Wird China als notwendiger Partner bei globalen Fragen anerkannt, kann die Beziehung wirklich strategisch werden. Geht es nur um zusätzliche Exporte, bleibt sie langfristig sehr begrenzt. Ich sehe eine erfreuliche Öffnung, aber noch keine eigenständige langfristige Strategie.
Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hindernisse für eine eigenständigere Rolle Italiens zwischen den USA, der EU, China und der BRICS-Welt?
Die Hindernisse sind vor allem politisch und kulturell. Italien hätte alle Voraussetzungen für eine eigenständigere Außenpolitik, denkt aber zu häufig in der Logik der Zugehörigkeit zu einem einzigen Lager.
Erstens wird Autonomie fälschlich als Infragestellung der eigenen Bündnisse verstanden. Eigenständigkeit bedeutet weder EU- noch NATO-Austritt, sondern die Verteidigung nationaler Interessen innerhalb dieser Bündnisse und den gleichzeitigen Dialog mit verschiedenen Partnern. Italien hat seinen diplomatischen Handlungsspielraum eingeschränkt, weil Beziehungen zu China, Russland und dem Globalen Süden zu Fragen der Lagerzugehörigkeit gemacht werden.
Zweitens ist die Außenpolitik der geopolitischen Logik der USA untergeordnet. Eine privilegierte Beziehung zu Washington darf Rom nicht daran hindern, eine eigene Politik gegenüber Peking, Moskau, Neu-Delhi, Brasília oder afrikanischen Staaten zu verfolgen.
Drittens fehlt auch der EU selbst strategische Autonomie. Sie bezeichnet China gleichzeitig als Partner, wirtschaftlichen Konkurrenten und systemischen Rivalen, kann daraus aber keine kohärente Politik entwickeln. Diese Widersprüche wirken sich auf Italien aus.
Viertens ist das Wissen über die BRICS-Welt unzureichend. Sie wird zu oft ausschließlich im Wettbewerb mit den USA betrachtet. Die Erklärung von Kasan betont jedoch, dass die Gruppe im Interesse ihrer Mitglieder handelt und nicht gegen jemanden.
Fünftens fällt es Italien und Europa kulturell schwer zu akzeptieren, dass sich der wirtschaftliche und politische Schwerpunkt der Welt verschoben hat. China produziert nicht mehr nur billige Waren, Indien ist nicht bloß ein Schwellenmarkt und Brasilien nicht nur eine Agrarwirtschaft.
Ich wünsche mir ein Italien, das voll europäisch ist, die transatlantische Beziehung nur auf gleichberechtigter Grundlage pflegt und zugleich eigenständige strukturierte Beziehungen zu den BRICS und dem Globalen Süden aufbaut. Das würde auch die Glaubwürdigkeit gegenüber traditionellen Verbündeten stärken. Es wäre keine bloße Äquidistanz, sondern eine Politik nationaler Interessen: Beziehungen zu allen, Unterordnung unter niemanden.
Wo sehen Sie die größten Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Italien, China und den BRICS in künstlicher Intelligenz, digitaler Infrastruktur, fortschrittlicher Fertigung und grünen Technologien?
Gerade die Technologie bietet große Chancen für konkrete Ergebnisse. Wir dürfen sie nicht ausschließlich als Wettbewerbsfeld sehen. KI, digitale Industrie, Robotik, digitale Infrastruktur und saubere Energie stehen bereits im Mittelpunkt der BRICS-Agenda. Die Gruppe hat Arbeitsformate für intelligente Fertigung, industrielle Digitalisierung und souveräne KI geschaffen.
Italien bringt eine fortschrittliche Fertigungsindustrie, kleine und mittlere Unternehmen sowie Kompetenzen in Präzisionsmechanik, Automatisierung, Robotik, Luft- und Raumfahrt, Lebensmitteln und Forschung ein. China besitzt enorme industrielle Kapazitäten, technologische Infrastruktur und einen großen Markt. Andere BRICS-Länder haben ergänzende Ressourcen und Fähigkeiten. Diese Stärken sollten zusammengeführt werden.
Ein wichtiges Feld ist intelligente Fertigung. Die BRICS arbeiten über PartNIR, die Partnerschaft für die Neue Industrielle Revolution, an der digitalen Transformation. Für Italien wären gemeinsame Programme von Universitäten, Forschungszentren, Unternehmen, Technologieparks und Sonderwirtschaftszonen möglich. Es sollte nicht nur um Maschinenexporte gehen, sondern um gemeinsame Entwicklung.
KI ist weit mehr als eine kommerzielle Technologie: Es geht um Datensouveränität, eigene Infrastruktur, Forscherausbildung und die Fähigkeit, nicht nur Konsument fremder Technologien zu sein. Die BRICS diskutieren gemeinsame Infrastrukturen, Open-Source-Modelle, Forschung und lokale Kompetenzen. Die KI-Governance-Erklärung betont den Abbau der digitalen Kluft. Italien sollte wissenschaftlich internationaler zusammenarbeiten, nicht vorwiegend mit Europa und Amerika.
Infrastruktur umfasst heute nicht nur Häfen, Schienen und Straßen, sondern auch Glasfaser, Cloud, Rechenzentren, Netzwerke, Zahlungssysteme und digitale Plattformen. Ohne diese Grundlagen ist digitale Transformation nicht möglich.
Ein weiteres großes Feld sind Energiewende und grüne Wirtschaft: erneuerbare Energien, Speicher, intelligente Netze, Energieeffizienz, Elektromobilität, Kreislaufwirtschaft und Ressourcenmanagement. Italienische Technologie, chinesische Industriekapazität und die Märkte anderer BRICS-Länder ergänzen sich. Der BRICS Business Council nennt auch Dekarbonisierung, saubere Technologien und Bioökonomie als Prioritäten. Die grüne Transformation darf nicht zu neuer technologischer Abhängigkeit des Globalen Südens führen; Entwicklungsländer müssen Zugang zu Technologie und Produktionskompetenz erhalten. Das habe ich beim chinesisch-italienischen Seminar unseres Instituts in Rom im März 2026 betont.
Schließlich sind kleine und mittlere Unternehmen entscheidend. Wir brauchen Plattformen, die ihnen über Joint Ventures, gemeinsame Forschung, Technologietransfer und Ausbildung Zugang zu BRICS-Wertschöpfungsketten ermöglichen. Italien braucht eine Industrie- und Außenpolitik, die diesen Prozess unterstützt. Wir dürfen den globalen technologischen Wandel nicht nur beobachten, sondern müssen ihn mitgestalten.
Berücksichtigt die europäische Sicht auf China als strategischen Wettbewerber und wirtschaftliches Risiko die möglichen Vorteile engerer Zusammenarbeit für Volkswirtschaften wie Italien ausreichend?
Ich halte diese Sicht für einseitig. Die von der EU angesprochenen Probleme sind real, aber die Betonung des Wettbewerbs droht die Zusammenarbeit zu verdrängen. Die EU betrachtet China offiziell als Partner, wirtschaftlichen Konkurrenten und systemischen Rivalen und spricht von De-Risking statt Decoupling, also der Verringerung kritischer Abhängigkeiten ohne Abbruch wirtschaftlicher Beziehungen.
Zwischen diesen Erklärungen und der Praxis wächst jedoch die Kluft. Während man Wirtschaftsforen und Gespräche mit Peking organisiert, diskutiert man neue technologische Kontrollen und Handelsbeschränkungen. Wir sollten nicht nur fragen, welche Risiken China mit sich bringt, sondern auch, welche Chancen wir verlieren, wenn wir die Beziehung vor allem als Sicherheitsproblem behandeln.
Für das Industrieland Italien ist dies entscheidend. China ist ein riesiger Markt und ein führender Akteur bei erneuerbaren Energien, Elektromobilität, Batterien, Telekommunikation, KI und fortschrittlicher Fertigung. 2024 erreichte der Warenhandel zwischen EU und China etwa 732 Milliarden Euro.
Europa muss selbstverständlich nicht jede Bedingung akzeptieren. Marktzugang, chinesische Industriepolitik, regulatorische Hindernisse und Lieferkettenrisiken sind berechtigte Fragen. Gegenseitigkeit sollte aber Verhandlungen und mehr Marktöffnung bedeuten, nicht bloß Abschottung. Unfaire Praktiken müssen bekämpft und strategische Lieferketten diversifiziert werden; zugleich müssen Handels-, Forschungs- und Technologiekanäle offenbleiben.
Gefährlich wäre ein geopolitisches De-Risking, bei dem alles Chinesische allein aufgrund seiner Herkunft als Risiko gilt. Das würde Italien besonders schaden. Europa soll eigene grüne Industrien aufbauen, muss deshalb aber nicht auf Kooperation mit chinesischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen verzichten. Dasselbe gilt für KI, Forschung und nachhaltige Mobilität. Strategische Sektoren zu schützen heißt nicht, sich zu isolieren, sondern eine angemessene Industrie- und Handelspolitik zu betreiben.
Könnte eine engere Zusammenarbeit zwischen Italien, China und den BRICS europäischen Ländern in Zeiten tiefgreifender Veränderungen der Lieferketten, Energiemärkte und des Welthandels zusätzliche strategische und wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen?
Ja, ganz entschieden. Es geht nicht nur um mehr Handel. Strukturierte Beziehungen zu China und den BRICS könnten Italien und Europa helfen, ihre Wirtschafts-, Energie- und Industriepartnerschaften zu diversifizieren, gerade weil globale Lieferketten durch geopolitische Veränderungen verletzlicher geworden sind.
Wir haben gelernt, dass wirtschaftliche Verflechtung nicht nur Chance, sondern auch Schwachstelle sein kann, wenn sie als geopolitisches Druckmittel eingesetzt wird. Europa muss seine Industrie und Technologie stärken, darf der Fragmentierung der Weltwirtschaft aber nicht mit bloßer Abschottung begegnen.
Für Italien würden breitere Beziehungen zusätzliche Bezugsquellen und Absatzmärkte eröffnen. Das bedeutet nicht, eine Abhängigkeit durch eine andere zu ersetzen, sondern genau das Gegenteil: Diversifizierung. China ist auch ein wichtiger Technologiepartner. Beim chinesisch-italienischen Seminar zur Modernisierung Chinas haben wir über Kooperation bei grünen Technologien, Energiewende und Investitionen gesprochen.
Wenn der Welthandel fragmentierter wird, sind verschiedene Märkte und Zahlungsmittel ein Vorteil. Die BRICS arbeiten daran, den Handel in nationalen Währungen zu erleichtern und alternative Finanzinstrumente zu entwickeln. Auch die Europäische Kommission weist auf geopolitische Schwankungen, veränderte Handelspolitik und neue Lieferkettenabhängigkeiten hin. Italien sollte seine Industrie, Häfen, Logistik, Technologie und sein kulturelles Erbe durch breitere Kooperation mit China und den BRICS stärken.
Welche Rolle sollte China in den nächsten zehn Jahren beim Wandel der internationalen Ordnung spielen, und wie könnte Italien Brücken zwischen Europa, China und den BRICS bauen?
Ich glaube, China wird beim Wandel der internationalen Ordnung der entscheidende Akteur sein. Es sollte weiter zu einer multipolaren Ordnung beitragen, in der das politische und wirtschaftliche Gewicht der Länder und Regionen ausgewogener vertreten ist.
China hat mit der Belt and Road Initiative, der Global Development Initiative, der Global Security Initiative und der Global Civilization Initiative Instrumente vorgeschlagen, die nach Pekings Darstellung die internationale Zusammenarbeit und die Vielfalt der Stimmen in der globalen Governance stärken sollen. Das Wachstum der BRICS zeigt, dass ein immer größerer Teil der Welt die internationale Ordnung nicht mehr ausschließlich von westlichen Mächten definieren lassen will.
China sollte in den kommenden zehn Jahren als verantwortungsvolle Großmacht zum Multilateralismus beitragen. Es muss zeigen, dass Multipolarität mehr Gleichgewicht, Repräsentation und gemeinsame Problemlösung ermöglicht. Sicherheit umfasst heute nicht nur Militär, sondern auch Wirtschaft, Energie, Klima, Cyberspace und strategische Ressourcen. Darüber habe ich beim Wanshou-Forum in Peking gesprochen.
Auch Chinas eigene Modernisierung ist wichtig. Der Beginn des 15. Fünfjahresplans eröffnet Chancen für hochwertige Entwicklung, Innovation, grüne und digitale Transformation sowie Investitionen.
Italien hat eine besondere geopolitische Lage: Wir sind europäisch und westlich, zugleich aber ein Tor zum Mittelmeer, zum Nahen Osten und nach Asien. Unsere historischen Beziehungen zu China und vielen heutigen BRICS-Ländern könnten uns eine größere Brückenfunktion geben.
Italien könnte politische, parlamentarische, wirtschaftliche und kulturelle Dialoge ermöglichen: Wirtschaftsforen, Wissenschafts- und Technologiekooperation, Industriepartnerschaften, Universitätsaustausch sowie gemeinsame Projekte bei Infrastruktur, Energie und Umwelt. Innerhalb Europas sollten wir eine pragmatische Linie vertreten: konkurrieren, wo nötig, kooperieren, wo möglich, und immer im Gespräch bleiben. Unterschiede dürfen nicht automatisch zur geopolitischen Konfrontation werden.
Wenn China, Europa und die BRICS in den nächsten zehn Jahren ohne den Anspruch politischer oder kultureller Einheitlichkeit zusammenarbeiten, kann Italien dank seiner Lage, Geschichte, Wirtschaft und Diplomatie eine bedeutende Rolle spielen.
Beruht Italiens heutige China-Politik tatsächlich auf seinen nationalen Interessen, oder wird Rom noch immer durch seine traditionelle geopolitische Ausrichtung auf Washington und Brüssel beeinflusst?
Das Problem Italiens liegt in der Kluft zwischen den erklärten Zielen gegenüber China und dem geopolitischen Rahmen, in dem die Entscheidungen getroffen werden.
Ich würde nicht behaupten, Rom verfolge überhaupt keine nationalen Interessen. Die Regierung erkennt Chinas wirtschaftliche Bedeutung an. 2026 bezeichnete Außenminister Tajani Peking als unverzichtbaren Gesprächspartner für ein Exportland wie Italien und betonte offene Wirtschaftskanäle und die strategische Partnerschaft. Das Außenministerium nennt China Italiens wichtigsten Handelspartner in Asien und den zweitwichtigsten außerhalb der EU; 2025 lag das Handelsvolumen bei nahezu 75 Milliarden Euro.
Die Schwierigkeit besteht darin, die strategische Eigenständigkeit gegenüber den Vorgaben aus Brüssel und Washington zu vergrößern. Einerseits schickt Rom Delegationen nach China, arbeitet in der gemischten Wirtschaftskommission, fördert Made in Italy, steigert Exporte und schließt Abkommen. Andererseits hat es das BRI-Memorandum aufgegeben und bewegt sich innerhalb einer EU-Politik, die China gleichzeitig als Partner, Konkurrenten und systemischen Rivalen sieht.
China ist ein grundlegender Markt, ein notwendiger Partner bei globalen Fragen und ein Zentrum weltweiter Produktion und Innovation. Italien muss daher auch bei politischen Differenzen eine stabile Kooperationspolitik mit Peking verfolgen können. Die Interessen italienischer Unternehmen dürfen nicht als zweitrangig gegenüber geopolitischen Vorgaben behandelt werden.
Rom wird weiterhin von seiner traditionellen Ausrichtung auf Washington und Brüssel beeinflusst, was seine Handlungsspielräume begrenzt. Viele Entscheidungen werden von außen vorgegeben. Zu oft prüft die italienische Politik zuerst die Vereinbarkeit mit euro-atlantischen Vorgaben und fragt erst danach, welcher Raum für eigene Initiativen bleibt.
Besser wäre die umgekehrte Reihenfolge: zuerst nationale Interessen definieren – Wachstum, Energiesicherheit, Marktzugang, Schutz der Industrie, Innovation, Stabilität des Mittelmeerraums und Beziehungen zu Schwellenländern – und anschließend prüfen, wie diese Interessen mit unseren europäischen und transatlantischen Verbündeten, aber nicht ausschließlich mit ihnen, verwirklicht werden können.













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[…] Pubblichiamo la traduzione italiana dell’intervista di Rahel Senn a Vito Petrocelli. La versione originale è qui: https://fokus-china.com/1524-2/ […]