Sicherheit und Zusammenarbeit im Zentrum des Gipfels
Beim SCO-Gipfel in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek haben die Mitgliedstaaten die weitere Entwicklung der Shanghai Cooperation Organisation festgelegt. Im Mittelpunkt des Treffens standen die regionale Sicherheit, wirtschaftliche Zusammenarbeit und die Frage, welche Rolle die Organisation in einer sich verändernden internationalen Ordnung spielen soll. Die SCO wurde 2001 von China, Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan gegründet und hat sich seitdem erheblich erweitert. Heute gehören neben den Gründungsmitgliedern auch Indien, Pakistan, Iran und Belarus zur Organisation. Damit umfasst die SCO einen großen Teil Eurasiens und mehrere der bevölkerungsreichsten Staaten der Welt.
Zum Abschluss des Gipfels verabschiedeten die Staats- und Regierungschefs die Bischkek-Erklärung zum 25-jährigen Bestehen der Organisation. Insgesamt wurden zahlreiche weitere Dokumente und Vereinbarungen beschlossen. Die Mitgliedstaaten einigten sich unter anderem auf die Umsetzung einer langfristigen Entwicklungsstrategie für die Jahre 2026 bis 2035. Die Zusammenarbeit soll sowohl im Sicherheitsbereich als auch in Wirtschaft, Energie, Verkehr, Digitalisierung und Technologie ausgebaut werden. Auch die Bekämpfung von Terrorismus, Extremismus, Drogenhandel und anderen grenzüberschreitenden Sicherheitsbedrohungen bleibt ein wichtiger Bestandteil der SCO-Zusammenarbeit.
Gleichzeitig betonten die Teilnehmer die Prinzipien der gegenseitigen Achtung, Gleichberechtigung und Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten. Die SCO versteht sich offiziell nicht als Militärbündnis und richtet sich nach eigener Darstellung nicht gegen einen bestimmten Staat. Dennoch gewinnt die Organisation angesichts der wachsenden Spannungen zwischen Russland und dem Westen sowie der zunehmenden Rivalität zwischen China und den USA eine größere geopolitische Bedeutung. Die Mitgliedstaaten sprechen sich für eine stärkere Rolle der Vereinten Nationen und für eine Reform internationaler Institutionen aus, durch die die Interessen der Entwicklungs- und Schwellenländer stärker berücksichtigt werden sollen.
Chinas zentrale Rolle und die Verbindung zu BRICS
China nimmt innerhalb der SCO eine Schlüsselposition ein. Peking gehört nicht nur zu den Gründungsmitgliedern, sondern ist wirtschaftlich und politisch der wichtigste Akteur innerhalb der Organisation neben Russland. Staatspräsident Xi Jinping nutzte den Gipfel, um für eine stärkere wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit innerhalb Eurasiens zu werben. Nach chinesischer Darstellung soll der sogenannte „Shanghai-Geist“ – gegenseitiges Vertrauen, gegenseitiger Nutzen, Gleichberechtigung und gemeinsame Entwicklung – auch künftig die Grundlage der Organisation bilden.
Besonders wichtig ist dabei die wirtschaftliche Dimension. China treibt den Ausbau von Verkehrsverbindungen, Handelsrouten und Investitionen in Zentralasien voran. Die SCO kann dabei als zusätzliches Forum dienen, um wirtschaftliche Kooperation zwischen China, Russland, den zentralasiatischen Staaten, Indien und weiteren Mitgliedern zu erleichtern. Themen wie Energieversorgung, Transportkorridore, digitale Infrastruktur und grenzüberschreitender Handel gewinnen dadurch innerhalb der Organisation zunehmend an Bedeutung.
China versucht zugleich, die SCO stärker mit anderen Staaten des Globalen Südens zu vernetzen. Beim sogenannten SCO-Plus-Format kamen neben den Mitgliedstaaten weitere Länder und internationale Organisationen zusammen. Xi Jinping warb dabei für eine „gleichberechtigte und geordnete Multipolarität“ und eine Reform der globalen Governance. Aus chinesischer Sicht soll die SCO damit nicht nur eine regionale Organisation bleiben, sondern eine Plattform werden, über die sich Staaten des Globalen Südens stärker an internationalen Entscheidungsprozessen beteiligen können.
Hier zeigt sich eine Verbindung zum BRICS-Gipfel in Neu-Delhi. China, Russland, Indien und Iran sind sowohl Mitglieder der SCO als auch der erweiterten BRICS-Gruppe. Während die SCO traditionell stärker auf Sicherheit und regionale Zusammenarbeit konzentriert ist, beschäftigen sich die BRICS vor allem mit wirtschaftlichen und finanzpolitischen Fragen, Handel, Entwicklung und der Reform internationaler Institutionen. Beide Organisationen verfolgen jedoch ein ähnliches Grundprinzip: Die internationale Ordnung soll aus Sicht ihrer Mitglieder stärker die Interessen der Schwellen- und Entwicklungsländer widerspiegeln.
Das bedeutet allerdings nicht, dass SCO und BRICS einen einheitlichen politischen Block bilden. Die Interessen der Mitgliedstaaten unterscheiden sich teilweise erheblich. Besonders zwischen China und Indien bestehen wirtschaftliche und geopolitische Spannungen. Gleichzeitig unterhält Indien enge Beziehungen zu den USA und europäischen Staaten. Auch die zentralasiatischen Länder versuchen, ihre Beziehungen zu China, Russland, Europa und anderen Partnern auszubalancieren. Die wachsende Zusammenarbeit innerhalb der SCO und BRICS ist daher eher als Netzwerk verschiedener Interessen denn als geschlossenes Bündnis zu verstehen.
Was der Gipfel für Europa und den Westen bedeutet
Für Europa und den gesamten Westen ist die Entwicklung dennoch von erheblicher Bedeutung. Der SCO-Gipfel zeigt gemeinsam mit der Entwicklung der BRICS, dass außerhalb der traditionellen westlichen Institutionen neue Plattformen für politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit entstehen. China spielt bei dieser Entwicklung eine zentrale Rolle, verfolgt dabei aber nicht ausschließlich eine politische, sondern auch eine wirtschaftliche Strategie.
Für die europäische Wirtschaft sind insbesondere die zentralasiatischen Staaten von Interesse. Die Region verfügt über große Energie- und Rohstoffvorkommen und liegt an wichtigen Verkehrsverbindungen zwischen China und Europa. Eine engere wirtschaftliche Integration innerhalb Eurasiens kann langfristig Auswirkungen auf Handelsrouten, Energieversorgung und Lieferketten haben. Gleichzeitig versucht die Europäische Union selbst, ihre Beziehungen zu Zentralasien auszubauen und alternative Handels- und Transportverbindungen zu entwickeln.
Noch wichtiger ist die Frage nach Technologie und Standards. China setzt innerhalb der SCO zunehmend auf Digitalisierung, künstliche Intelligenz und technologische Kooperation. Parallel verfolgt Peking innerhalb der BRICS ähnliche Ziele. Wenn sich daraus gemeinsame technische Standards, digitale Plattformen oder neue Formen der industriellen Zusammenarbeit entwickeln, könnte dies die internationalen Wettbewerbsbedingungen für europäische Unternehmen verändern.
Für die USA und Europa ist zudem die geopolitische Dimension relevant. Russland bleibt trotz seiner internationalen Isolation ein wichtiger Akteur innerhalb der SCO, während China seinen Einfluss in Zentralasien und im Globalen Süden ausbaut. Gleichzeitig versucht Indien, seine Beziehungen sowohl zum Westen als auch zu China und Russland aufrechtzuerhalten. Die Folge ist keine klare Zweiteilung der Welt, sondern eine zunehmend komplexe internationale Ordnung, in der Staaten ihre Partnerschaften stärker nach einzelnen Interessen ausrichten.
Der SCO-Gipfel in Bischkek sollte deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Zusammen mit der Entwicklung der BRICS zeigt er einen langfristigen Trend: Staaten außerhalb des westlichen Bündnissystems bauen eigene Institutionen und Kooperationsmechanismen aus. China nimmt dabei eine zentrale Rolle ein, weil es über die wirtschaftlichen Ressourcen und diplomatischen Beziehungen verfügt, um diese Strukturen mitzugestalten.
Für Europa und Deutschland bedeutet diese Entwicklung, dass internationale Politik zunehmend in mehreren parallelen Foren stattfindet. Die klassischen westlichen Institutionen bleiben wichtig, gleichzeitig gewinnen Organisationen wie SCO und BRICS an Gewicht. Der entscheidende Wandel besteht daher weniger in der Entstehung eines neuen geschlossenen Gegenblocks als in der zunehmenden Multipolarisierung der internationalen Ordnung. Der SCO-Gipfel in Bischkek und der BRICS-Gipfel in Neu-Delhi sind zwei unterschiedliche Ausdrucksformen dieses Prozesses.














